Alexander Gerst (* 3. Mai 1976 in Künzelsau) ist ein deutscher Geophysiker, Vulkanologe und Astronaut.
Gerst wuchs im hohenlohischen Künzelsau auf und legte 1995 am Technischen Gymnasium in Öhringen das Abitur ab. Danach leistete er zunächst Zivildienst beim Roten Kreuz und bereiste anschließend ein Jahr lang als Rucksacktourist verschiedene Länder. Beeindruckt von den Vulkanen Neuseelands begann er Geophysik zu studieren und erlangte 2003 an der damaligen Universität Karlsruhe (heute Karlsruher Institut für Technologie (KIT)) das Diplom. Zudem studierte er Geowissenschaften in Wellington und erhielt darin 2005 den Master of Science. 2006 war er Sommerstipendiat des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Eigenen Aussagen zufolge wurde sein Interesse an der Raumfahrt durch seinen Großvater geweckt, der als Funkamateur den Mond als Reflektor für Funkverbindungen Erde-Mond-Erde verwendete. Gerst ist inzwischen selbst Funkamateur mit dem US-amerikanischen Rufzeichen KF5ONO.
Im Mai 2010 wurde Alexander Gerst an der Universität Hamburg mit einer Forschungsarbeit zur Eruptionsdynamik des antarktischen Vulkans Mount Erebus promoviert. Ebenfalls tritt er in verschiedenen Dokumentationsfilmen zur Raumfahrt auf. Hierbei werden beispielsweise der Umgang und das Training mit g-Kräften behandelt.
Gerst setzte sich beim Auswahlverfahren 2008 der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) als einer der 8.413 Bewerber durch und wurde als einziger Deutscher unter sechs neuen Astronauten am 20. Mai 2009 der Öffentlichkeit vorgestellt. Anfang September 2009 begann er seine Ausbildung im Europäischen Astronautenzentrum (EAC) in Köln und wurde am 22. November 2010 nach Abschluss der Grundausbildung in einer offiziellen Zeremonie im EAC zum Astronauten ernannt.
Mission Blue Dot – ISS-Expeditionen 40/41
Am 18. September 2011 nominierte die ESA Gerst für einen Raumflug zusammen mit dem Russen Maxim Surajew und dem US-Amerikaner Reid Wiseman zur Internationalen Raumstation ISS. Der erfolgreiche Nachtstart von Sojus TMA-13M war am 28. Mai 2014 um 19:57 UTC in Baikonur. Gerst war als Bordingenieur der ISS-Expeditionen 40 und 41 bis zum 10. November 2014 im All. Er ist nach Thomas Reiter und Hans Schlegel der dritte deutsche Astronaut auf der ISS und der zweite einer Langzeitbesatzung. Seine Mission trug die Bezeichnung Blue Dot nach dem Foto Pale Blue Dot, das die Erde aus großer Entfernung als „blassblauen Punkt“ zeigt.
Nachdem sein Außenbordeinsatz im August 2014 zunächst verschoben worden war, fand dieser gemeinsam mit Reid Wiseman unter der Bezeichnung US-EVA 27 bzw. ISS-Expedition 41 – EVA 1 am 7. Oktober 2014 statt. Während des knapp sechsstündigen Einsatzes wurden unter anderem eine defekte Kühlpumpe umgelagert und ein neues Kabelsystem für den Greifarm installiert.
Am 10. November 2014 landete er nach 165 Tagen im All zusammen mit Surajew und Wiseman um 3:58 UTC in Kasachstan. Ein Ärzteteam der ESA untersuchte, wie sich sein Organismus nach seinem schwerelosen Aufenthalt im Weltall an die irdische Schwerkraft anpasste.
Mission Horizons – ISS-Expeditionen 56/57
Gersts zweite Langzeitmission begann am 6. Juni 2018 mit dem Start des Raumschiffs Sojus MS-09. Als Bezeichnung von Gersts Mission, die im Rahmen der ISS-Expeditionen 56 und 57 stattfand, wurde Horizons gewählt. Am 3. Oktober übernahm er planmäßig für drei Monate als erster Deutscher und zweiter Westeuropäer die Funktion des ISS-Kommandanten. Nach 196 Tagen im All landete die Sojus-MS-09-Crew, bestehend aus Alexander Gerst, dem russischen Kosmonauten Sergei Prokopjew und der NASA-Astronautin Serena Auñón-Chancellor, am 20. Dezember 2018 wohlbehalten in der kasachischen Steppe.
Mit dieser Mission erreichte Gerst eine Gesamtaufenthaltsdauer von 362 Tagen im Weltall und löste damit Thomas Reiter als den deutschen und ESA-Rekordastronauten ab.
Alexander Gerst übernahm bei der ESA ab Dezember 2018 Aufgaben am European Space Research and Technology Centre (ESTEC) der ESA und leitete eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe in den Niederlanden, um für die ESA-Mitgliedsstaaten Strategien zu entwickeln, die eine Beteiligung an Missionen im Erdorbit in der Zeit nach Beendigung der ISS erlauben. Er bringt seine Erfahrungen in verschiedenen Entwicklungsprojekten ein und war 2022 an der Auswahl einer neuen Astronautengruppe der ESA beteiligt.
Seit März 2023 leitet Gerst die Abteilung „Astronaut Operations“ am Europäischen Astronautenzentrum in Köln.
2007 erhielt Gerst den Bernd Rendel-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft für ausgezeichnete Nachwuchsgeophysiker.
Am 9. Mai 2015 wurde Gerst die Ehrenbürgerschaft seiner Geburtsstadt Künzelsau verliehen.
Wegen seiner wichtigen wissenschaftlichen Arbeit und seines Engagements im Weltraum während seiner ISS-Mission verlieh Bundespräsident Joachim Gauck Gerst am 13. Januar 2015 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse und Bundespräsident Steinmeier 2019 das Große Verdienstkreuz. Des Weiteren wurde am 5. März 2015 ein Asteroid nach ihm benannt: (190617) Alexandergerst. Am 25. April 2015 überreichte ihm Ministerpräsident Winfried Kretschmann im Mannheimer Schloss den Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg.
Im Juli 2018 erhielt Gerst von der Deutschen Physikalischen Gesellschaft die Medaille für naturwissenschaftliche Publizistik für seine „in hervorragender Weise zur Verbreitung naturwissenschaftlich-physikalischen Denkens im deutschsprachigen Raum und weit darüber hinaus“ beitragenden Veröffentlichungen.
Nachdem der Akademische Senat der Universität Hamburg 2017 entschieden hatte, Alexander Gerst die Ehrensenatorenwürde zu verleihen, fand die Ernennung zum Ehrensenator der Universität Hamburg am 10. Mai 2019 im Rahmen eines großen Festakts statt.