Pietro Alessandro Gaspare Scarlatti (* 2. Mai 1660 in Palermo auf Sizilien; † 24. Oktober 1725 in Neapel) war ein italienischer Komponist des Barock und der „neapolitanischen Schule“, der besonders für seine Vokalmusik wie Opern, Oratorien und Kantaten bekannt ist.
Als Kind einer wohlhabenden Künstlerfamilie aus Palermo wurde er wegen einer Hungersnot 1672 nach Rom geschickt. Dort erhielt er wahrscheinlich Unterricht beim Komponisten Giacomo Carissimi und wurde später Kapellmeister an römischen Kirchen. Im Jahr 1684 ging er nach Neapel, wo er als Hofkapellmeister auch die Aufgabe hatte, neue Opern zu verfassen, womit er europäischen Ruhm erwarb. Vorübergehend hielt er sich in Florenz und Venedig auf. Wieder in Rom konzentrierte er sich erneut auf Kirchenmusik und auf weltliche Kantaten für die Accademia dell’Arcadia, deren Mitglied er 1706 wurde. Nach einem zweiten Aufenthalt in Neapel als Hofkapellmeister verbrachte er die letzten Jahre wieder vorwiegend in Rom in der Nähe konservativerer Mäzene.
Scarlattis Werke repräsentieren den hochbarocken Stil um 1700 mit deutlich ausgeprägten Gattungsmerkmalen. Die Oper wird mit einer durch Scarlatti typisierten dreisätzigen Sinfonia eröffnet und bietet eine Folge von abwechselnden Rezitativen für die Entwicklung der Handlung und Arien, die als musikalische Höhepunkte auf einen oder zwei Affekte fokussieren. Dabei prägte Scarlatti maßgeblich den Typus der Da-capo-Arie. Als zentraler Vertreter einer hochartifiziellen Opera seria beteiligte sich Scarlatti jedoch auch an der Entwicklung der komischen Oper. In Rom diente das Oratorium als Ersatz für die Oper, Scarlattis Gattungsbeiträge nähern diese geistlichen Werke der Oper an. Zu den Höhepunkten ihrer Gattung gehören Scarlattis zahlreiche weltliche Kantaten. In Scarlattis Kirchenmusik stehen Messen im stile antico neben konzertanten Messen, für die Missa solemnis wurde er vorbildlich. In seinen Concerti grossi bemühte sich Scarlatti unter Hinzuziehung von Bläsern um differenzierte Klangfacetten. Die Quattro sonate a quattro nehmen die später standardisierte Streichquartettbesetzung vorweg. In seiner Kammermusik spielt die Flöte eine herausragende Rolle. Früher wurde Scarlatti unzutreffenderweise als Lehrerfigur einer neapolitanischen Opernschule apostrophiert, es lassen sich jedoch kaum Schüler nachweisen. Einfluss übte er auf Georg Friedrich Händel und Johann Adolf Hasse aus. Trotz internationalen Erfolgs gab es bereits zu Lebzeiten Kritik an seiner konservativen Ausrichtung in späten Jahren.
Alessandro Scarlatti war der zweite Sohn des Tenors Pietro Scarlata (die Form „Scarlatti“ wurde ab 1672 benutzt) und der Eleonora d’Amato, einer Verwandten des sizilianischen Komponisten Vincenzo Amato. Der Künstlerfamilie aus Palermo entstammten weitere acht Kinder, von denen später fünf Musiker werden sollten. Unter den Taufpaten finden sich neben Amato weitere anerkannte Musiker wie Marc’Antonio Sportonio und Antonio Valenti, die die musikalische Begabung Alessandros bemerkten und förderten. 1670 starb Amato, der als Maestro di cappella der Kathedrale die Familie unterstützt hatte. Im Jahr 1672 zwang eine Hungersnot die Familie, Palermo zu verlassen. Alessandro wurde mit zwei Schwestern nach Rom geschickt, wo er vermutlich Unterricht bei Giacomo Carissimi erhielt.
Kapellmeister in Rom, Neapel und Florenz
1678 zog Scarlatti in den Palast des bedeutenden Architekten Gian Lorenzo Bernini, wo auch Antonia Anzaleone wohnte, die er am 12. April desselben Jahres siebzehnjährig heiratete. 1679 war Berninis Sohn Filippo Taufpate von Scarlattis erstem Sohn. Am 16. Dezember 1678 trat Scarlatti die Stelle des Kapellmeisters an San Giacomo degli Incurabili an und leitete bis 1682 im Sommer die Feste von San Giacomo Apostolo, die den Musikern eine relativ große Summe einbrachten. Der Herzog von Paganica gab bei ihm ein Oratorium für eine Aufführung während der Fastenzeit in Santissimo Crocifisso in Auftrag. Kardinal Benedetto Pamphilj stellte ihm seine eigenen Gedichte zur Vertonung zur Verfügung und war möglicherweise dafür verantwortlich, dass Scarlatti in den Kreis der Königin Christine von Schweden aufgenommen wurde. Diese war von seiner ersten Oper Gli equivoci nel sembiante so begeistert, dass sie eine Zweitaufführung finanzierte und Scarlatti zu ihrem Kapellmeister machte. In ihrem Palazzo hielt sie die Accademia Reale ab, aus der später die Accademia dell’Arcadia hervorging, wo auch Scarlattis Mäzene Francesco Maria Ruspoli und Pietro Ottoboni anzutreffen waren. Im Umfeld dieser literarischen Akademie entstanden zahlreiche Kantaten Scarlattis.
1683 wechselte Scarlatti als Kapellmeister an die Kirche San Girolamo della Carità, wo das angegliederte Oratorium mehr Möglichkeiten bot, sich als Oratorienkomponist geistlichen Förderern zu präsentieren. Neben der Musik für gewöhnliche Gottesdienste war er für Beiträge zu Weihnachten, in der Karwoche und zum Fest des heiligen Philipp Neri zuständig.
Da aufgrund der Abneigung, die Papst Innozenz XI. gegenüber Opern hegte, diese in Rom nur in privaten Aufführungen aristokratischer Mäzene realisiert werden konnten, gelang es den neapolitanischen Herzögen von Maddaloni, Scarlatti zu überreden, sein Glück in Neapel zu versuchen mit der Aussicht auf die Nachfolge von Marc’Antonio Ziani als Leiter der königlichen Kapelle. 1683 wurde der spanische Botschafter am Vatikan, Marchese di Carpio, zum Vizekönig von Neapel ernannt. Er tauschte die Leitung des Teatro San Bartolomeo aus. Scarlatti wurden durch den Impresario Filippo Schor 500 Scudi Gehalt für eine Opernsaison angeboten. Zudem durfte er fünf Instrumentalisten, eine Sängerin und einen Kopisten auswählen und nach Neapel mitbringen. Im Winter 1683/84 wurden die neuen Opern La Psiche und Il Pompeo an verschiedenen neapolitanischen Häusern gegeben. 1684 folgte er Ziani als Kapellmeister nach, obwohl das Amt dem fast sechzigjährigen Francesco Provenzale zustand. Dies geschah mit Hilfe des Duca di Maddaloni und der Sänger seiner Kompagnie sowie gerüchteweise einer amourösen Beziehung einer seiner Schwestern zu zwei Hofbeamten.
Bevor Scarlattis Familie nachgekommen war, besuchte er in Rom die Taufe seiner Tochter Christina. Unter ihren Paten befand sich die Königin von Schweden, aus deren Diensten sich Scarlatti befreien musste, um das Amt in Neapel übernehmen zu können. Auch in Neapel pflegte er die Beziehungen zu seinen römischen Mäzenen. Für seinen römischen Gönner Pietro Ottoboni komponierte er auf dessen Libretto die Oper La Statira, die 1690 unter seiner Leitung im wiedereröffneten Teatro Tordinona in Rom uraufgeführt wurde. Von der Doppelhochzeit in der Familie Ottoboni, die in diesem Jahr stattfand, scheint eine Freundschaft Scarlattis mit Ottoboni herzurühren.
1689 trat Scarlatti eine Stelle als Kompositionslehrer am Conservatorio di Santa Maria di Loreto in Neapel an, suchte aber nach zwei Monaten um Unterbrechung der Lehrtätigkeit an und wurde nach weiteren zwei Monaten gekündigt. Auch später brachte sein mangelnder Einsatz beim Unterrichten Scarlatti Kritik ein.
Zu den Aufgaben des Hofkapellmeisters gehörte das Verfassen von Opern und von Arien für aus Venedig importierte Opern, zudem von Serenatas und Kantaten. Die Kapelle konnte bei Gottesdiensten jedoch auch von anderen Mitgliedern geleitet werden. Scarlattis Kontrahenten dürften seine Position am Hof vorübergehend geschwächt haben, sodass er nach dem Tod des Vizekönigs 1687 kurzfristig aus der Position ausschied. In den 1690er Jahren verbreitete sich Scarlattis Ruhm als Opernkomponist über Europa. 1693 übernahm Scarlatti die künstlerische Leitung des Opernhauses San Bartolomeo. Trotz seiner großen und erfolgreichen Produktion von Opern in dieser Zeit war er aufgrund finanzieller Probleme gezwungen, um Zahlung aufgelaufener Rückstände seines Gehalts zu bitten.
1701 konnte Scarlatti die Ernennung seines Sohnes Domenico als Organist und Komponist der königlichen Kapelle erreichen. Die Unsicherheit Neapels im spanischen Erbfolgekrieg, als der Streit der rivalisierenden Königshäuser durch alle Gesellschaftsschichten ging, motivierte Scarlatti, in Florenz am Hof von Cosimo III. de’ Medici (1642/1670–1723), Großherzog der Toskana, nach einer Stelle Ausschau zu halten. Er erhielt in Neapel jedoch nur vier Monate Urlaub. Die Reise der Familie Scarlatti nach Florenz ist durch Briefe dokumentiert. Wie in Neapel stieß Scarlatti in Florenz als fremder Komponist bei den Musikern auf Distanz und Ablehnung. Auf dem Landsitz in Pratolino kam Scarlattis Flavio Cuniberto zur Aufführung. Auch in Rom sah sich Scarlatti nach einer neuen Stelle um und verzögerte seine Rückkehr nach Neapel. Dort bat er im Dezember 1702 um Entlassung aus der Kapelle, erhielt aber nur eine zweimonatige Suspendierung. Da Scarlatti jedoch nicht mehr erschien, wurde nach sieben Monaten seine Nachfolge ausgeschrieben.