An diesem Tag

Albrecht Müller (Publizist)

Deutscher Volkswirt, Publizist und Politiker

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Albrecht Müller (* 16. Mai 1938 in Heidelberg) ist ein deutscher Volkswirt, Publizist und ehemaliger Politiker (SPD). Müller war Planungschef im Bundeskanzleramt unter den Bundeskanzlern Willy Brandt und Helmut Schmidt. Von 1987 bis 1994 war er Mitglied des Deutschen Bundestages. In den 2000er Jahren verfasste er eine Kolumne für die SPD-Zeitung Vorwärts und hat seitdem mehrere Bücher veröffentlicht. Seit 2003 ist er als Autor und Herausgeber des Blogs NachDenkSeiten tätig.

Müller wuchs in Meckesheim auf. Er ist ein Onkel des Regisseurs Franz Müller. Auf eine Lehre zum Industriekaufmann folgten das Studium der Volkswirtschaftslehre und Soziologie in Mannheim, Berlin, München und Nottingham. Nach seiner ersten Anstellung als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Internationale Wirtschaftsbeziehungen der Universität München war er ab 1968 Redenschreiber des Bundeswirtschaftsministers Karl Schiller.

In den Jahren 1970 bis 1972 war er Leiter der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit des SPD-Parteivorstandes. Müller managte den Wahlkampf des damaligen Bundeskanzlers Willy Brandt. Müller arbeitete von 1973 bis 1982 als Leiter der Planungsabteilung im Bundeskanzleramt unter Willy Brandt und Helmut Schmidt.

Am 1. Oktober 1982 wurde Helmut Schmidt mit den Stimmen der Unionsparteien und einer Mehrheit der FDP-Abgeordneten vom Bundestag durch ein konstruktives Misstrauensvotum des Amtes enthoben und Helmut Kohl zu seinem Nachfolger gewählt.

Bald danach verlor Müller seine Stelle im Bundeskanzleramt. Er wurde freiberuflicher politischer und wirtschaftspolitischer Berater.

Im Jahr 1984 trat er als Kandidat bei den Oberbürgermeisterwahlen in Heidelberg an. Die SPD erhielt 40,8 Prozent der Stimmen (nach 27 % bei der Wahl zuvor); der parteilose Amtsinhaber Reinhold Zundel gewann die Wahl.

Nach der Bundestagswahl 1987 und nach der Bundestagswahl 1990 zog Müller in den Bundestag ein; er war für zwei volle Legislaturperioden Mitglied des Deutschen Bundestages.

Müller hat zahlreiche Artikel, Essays und Bücher veröffentlicht. In den 2000er Jahren hatte er die Kolumne Gegen den Strom in der SPD-Zeitung Vorwärts. Er ist seit 2003 Mitherausgeber und seit 2015 alleiniger Herausgeber der NachDenkSeiten. Müller ist weiterhin Mitglied der SPD.

Müller stand im Jahr 2013 der damaligen SPD-Politik kritisch gegenüber.

Im Herbst 2020 war er einer der Erstunterzeichner des Appells für freie Debattenräume.

In seinen Büchern und Internetaktivitäten setzt Müller sich insbesondere mit dem Lobbyismus, den politischen Reformen in Deutschland, der gegenwärtigen Wirtschaftspolitik und der Meinungsbildung in der Presse auseinander. Mit solchen Formen der Gegenöffentlichkeit hofft Müller politische Diskussionen anzuregen.

Müller gründete 2003 mit Wolfgang Lieb die Website NachDenkSeiten. Die kritische Website. Anfangs wurde sie als wichtiger Bestandteil einer Gegenöffentlichkeit gelobt, sieht sich in den letzten Jahren jedoch vermehrt dem Vorwurf ausgesetzt, Verschwörungstheorien zu verbreiten.

Von der Parteiendemokratie zur Mediendemokratie (1999)

Im Auftrag der Landesanstalt für Rundfunk Nordrhein-Westfalen verfasste Müller anlässlich der Bundestagswahl 1998 eine Analyse zur Rolle der Medien, besonders des Fernsehens, im Wahlkampf. Der Schwerpunkt der Analyse liegt in Vergleichen zu früheren Wahlkämpfen und Beobachtungen aus Müllers Tätigkeit als Wahlkampfmanager. Sie erfolgt unter der Maßgabe, dass die Auswirkung des Medieneinflusses auf die Qualität demokratischer Entscheidungen einzuschätzen sei. Kernergebnis der Expertise ist, dass die politische Willensbildung in einem zunehmenden Maße von den Medien dominiert werde, sodass die im Grundgesetz verankerte Mitwirkung der politischen Parteien in den Hintergrund trete. Müller wirft die Frage auf, ob die Medien ihrer gewachsenen Verantwortung gerecht werden.

Die Resultate der in der Untersuchung angewandten Kriterien für die Qualität der Veränderungen in der politischen Willensbildung ergeben ein Gesamtbild: Die mediale Kommunikation verdränge aufgrund der steigenden Dauer der Fernsehnutzung die personale Kommunikation bei abnehmendem Anteil als „schwierig“ bezeichneter Sendungen wie Dokumentationen und Bildungssendungen. Die Ausweitung der Anzahl an Fernsehsendern seit den 1980er-Jahren habe eine Fragmentierung der Öffentlichkeit zur Folge, eine Erhöhung der Quote nicht politischer Sendungen, eine Verringerung der alle Menschen zugleich erreichenden Diskussionsanstöße, über die wiederum eine personale Kommunikation erfolgen könnte. Im Gegensatz zur landläufigen Meinung sei außerdem der Bildungsstand abgesunken, die Neigung zu Stereotypen und Vorurteilen auch bei als intellektuell angesehenen Medienkonsumenten weit verbreitet. Der Nährboden für Manipulation sei bereichert worden, die Vergesslichkeit der Wähler gestiegen.

Die Mitwirkung der Parteien an der allgemeinen Willensbildung sei seit dem Höhepunkt der Wahlbeteiligung 1972 kontinuierlich gesunken, ebenso die politische Relevanz von Parteitagen. Letztere dienten zunehmend mehr der Demonstration eines bestimmten Images („Geschlossenheit“, „Modernität“) in den Medien als der parteiinternen Kommunikation. Relativierungen von Parteitagsbeschlüssen als Folge negativer Medienreaktionen seien häufiger geworden, Themensetzungen der Medien allgemein angestiegen. Das Denken in abschließend bewertenden Schlagworten wie „Informationszeitalter“ und „Ende der Arbeit“ bewertet Müller als Unsitte. Hinzu komme die künstliche Herstellung einer Dichotomie zwischen Bürgern und Politikern, die die Politikverdrossenheit fördere. Die Beitragslänge in Nachrichtensendungen habe spürbar abgenommen, ebenso der O-Ton-Anteil von Politikerreden.

Die Reflexion der Rolle der Medien in den Medien selbst sei mangelhaft. Verglichen etwa mit 1972 sei eine Amerikanisierung des Wahlkampfs festzustellen, eine zunehmende Personalisierung, Inszenierung, Emotionalisierung, Ereignisplanung und auch ein zunehmendes Spindoktoring. Diese Debatten würden von wesentlichen Veränderungen – denen zu mehr Einseitigkeit als Pluralität – ablenken.

Das Buch Die Reformlüge erschien 2004 im Droemer Knaur Verlag. Es belegte Platz 8 auf der Spiegel-Bestsellerliste im Oktober 2004. Im Manager Magazin führte das Buch im März 2005 die Wirtschaftsbestsellerliste an. Auf dem Ranking des Sterns erreichte es Platz 11.

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