Albrecht Georg Haushofer (* 7. Januar 1903 in München; † 23. April 1945 in Berlin; Pseudonyme: Jürgen Dax, Jörg Werdenfels) war ein deutscher Geograph, Hochschullehrer, Publizist, Schriftsteller und Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus.
Herkunft, beruflicher Werdegang
Albrecht Haushofer war der ältere von zwei Söhnen des königlich bayerischen Offiziers und Geographen Karl Haushofer (1869–1946) und dessen Frau Martha, geborene Mayer-Doss (1877–1946). Für seine Erziehung war hauptsächlich die Mutter zuständig. Das zeitweilig im Elternhaus tätige Kindermädchen aus England brachte ihm frühzeitig die englische Sprache nahe. Seine Erziehung war fördernd, fordernd und streng, Willensschwäche wurde unnachgiebig bekämpft. Insgesamt wuchs Haushofer in einer harmonischen bildungsbürgerlich-kultivierten und weltoffenen Atmosphäre auf.
Die Schule besuchte er in München und galt hier als Einzelgänger und Sonderling. Neben der Schule erhielt er Klavier- und Kompositionsunterricht. Er spielte gern Klavier und zeigte großes Interesse für Atlanten und Geschichte. Während der Münchener Revolutionszeit 1918/1919 wurde er von der Mutter für mehrere Wochen aufs Land geschickt. Nach dem Abitur am humanistischen Theresien-Gymnasium in München studierte er Geschichte und Geographie. Sehr früh begann er, sich politisch zu orientieren, und trat 1919 gemeinsam mit den Eltern der nationalliberalen DVP bei. Hier spielte er eine aktive Rolle, wurde Vorsitzender der Studentengruppe an der Münchener Universität und Vorsitzender der Jugendgruppe für Bayern. Im dritten Studienjahr erweiterte er seine Studienfächer um Geologie und Nationalökonomie. 1924 wurde er mit der Dissertation Pass-Staaten in den Alpen promoviert. Doktorvater war Erich von Drygalski. Das Thema interessierte Haushofer auch deswegen, weil er ein passionierter Bergwanderer war.
Danach unternahm Albrecht Haushofer eine mehrmonatige Brasilienreise. Im Oktober 1924 kehrte er nach Deutschland zurück, bewarb sich auf eine Assistentenstelle bei dem damals berühmtesten Geographen Deutschlands Albrecht Penck in Berlin und trat diese Stelle am 1. Oktober 1925 an. Berlin reizte ihn vor allem wegen des Theater- und Konzertangebots. Mit dem Ausscheiden aus der Assistentenstelle 1928 wurde Haushofer bis 1940 Generalsekretär der Gesellschaft für Erdkunde in Berlin und bis 1938 Herausgeber ihrer Zeitschrift. In Berlin gewann er, nicht zuletzt durch die Bekanntheit seines Vaters Karl Haushofer, einen recht großen Umgangskreis. Dazu gehörte auch Carl Friedrich von Weizsäcker, den er später zu seinen wichtigsten Freunden zählte. Auf Anraten von Albrecht Penck hatte er sich als Habilitationsthema Die Entstehung von Lösschichten, ausgehend von Studien im Pannonischen Becken gewählt. Die Bearbeitung des Themas war ihm zunehmend zur Qual geworden: Es fresse ihn die Wut, dass er sich mit Dingen beschäftige, „an die ich nicht glaube, deren Erkennbarkeit mir zweifelhaft ist, während ringsum das Staats- und Volksgebäude in allen Fugen kracht“. Viel mehr beschäftigte ihn die Politik. Sorge bereitete ihm die zunehmende Gefahr einer Machtergreifung durch die extreme Rechte und die dadurch zu erwartende Verschärfung der inneren und europäischen Gegensätze.
Albrecht Haushofers Sorge vor einer weiteren Radikalisierung der Gesellschaft nahm besonders durch den Ausgang der Reichstagswahl 1930 mit einem Durchbruch der NSDAP weiter zu. Politisch gesehen, so seine Einschätzung, hätte sich die Rechte schon so weit demagogisiert, dass nichts von ihr zu hoffen sei. Deshalb sah er es als seine Aufgabe an, dieser Entwicklung mit seinen Möglichkeiten entgegenzuwirken. Zur Vorbereitung einer politischen Laufbahn knüpfte er umfangreiche politischen Beziehungen und veröffentlichte Beiträge in politischen Zeitschriften. Im Mai 1931 reichte Haushofer seine Habilitationsschrift ein, zog sie aber zurück, weil eine Ablehnung durch die Fakultät zu befürchten war. Ein Jahr darauf schrieb er die Komödie Und so wird Pandurien regiert, eine Satire über den parlamentarischen Betrieb zur Zeit der Großen Koalitionen der Weimarer Republik unter den Reichskanzlern Stresemann 1923 und Müller 1928–1930, die nur einmal 1932 in Liegnitz auf einer Provinzbühne aufgeführt wurde.
Entwicklungen in der Zeit des Nationalsozialismus
Ab 1933 veränderten sich die politischen Rahmenbedingungen auch für Albrecht Haushofer gravierend. Mit den Bedingungen der Weimarer Republik hatte er sich arrangiert. Ein System mit extremer ideologischer Polarisierung und absolutem Totalitarismusanspruch war für ihn nicht akzeptierbar. Das warf auch seine bisherige Lebensplanung um. Für einen „Vierteljuden“ war eine politische Laufbahn nun ausgeschlossen und eine akademische Karriere schien nach dem Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums ebenfalls kaum möglich. Aufgrund einer Intervention des mit seinem Vater seit 1919 eng befreundeten Rudolf Heß konnte er jedoch eine ihm angebotene Dozentur für Geopolitik an der „gleichgeschalteten“ Hochschule für Politik in Berlin übernehmen, wofür er sich im Juli 1933 entschied nach längerem Schwanken wegen seiner schweren Bedenken gegen das neue Regime. Dabei leitete ihn die Hoffnung, auf diesem Weg die Außenpolitik beeinflussen zu können. Sein Mitwirken sah er als eine Möglichkeit des Gegenwirkens, zumal für den Fall der Gefährdung des europäischen Friedens.
Dazu fungierte Albrecht Haushofer ab 1933 als Berliner Stellvertreter seines Vaters im Vorsitz des Volksdeutschen Rates, eines Rudolf Heß unterstellten beratenden Gremiums. Dadurch erhielt er gute Beziehungen zu Joachim von Ribbentrop, der zu dieser Zeit persönlicher Berater Adolf Hitlers in außenpolitischen Fragen war und großen Wert auf den Rat Albrecht Haushofers legte. Ab 1934 war er freier Mitarbeiter der Dienststelle Ribbentrop und unternahm in dessen Auftrag Reisen in geheimer Mission nach Großbritannien, in die Tschechoslowakei und nach Japan. Im Jahr 1936 führte ein Auftrag Ribbentrops ihm zu dem tschechischen Präsidenten Edvard Beneš. Das Ziel war es, den 1935 geschlossenen sowjetisch-französischen Beistandsvertrag zu schwächen, was, so die Einschätzung Haushofers, „ein Beitrag für den europäischen Frieden“ werden könne. Im Sommer 1937 finanzierte ihm die Dienststelle Ribbentrop eine Reise nach Japan. Hier ging es in erster Linie um Informationsbeschaffung aus japanischen Militärkreisen und die Aktivierung von zukünftigen Gesprächspartnern für politisch-militärische Bündnisse. Haushofer war kaum in Japan, als der Zwischenfall an der Marco-Polo-Brücke am 7. Juli 1937 den Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg auslöste. In Abänderung seines ursprünglichen Reiseprogramms bekam er nun Gelegenheit, Schauplätze der Schlacht um Peking-Tianjin zu besuchen und die Auswirkungen eines modernen Kriegs vor Ort kennenzulernen. Voller Entsetzen gab er seine Eindrücke in dem Gedicht Nankau-Pass wieder:
Eine erneute Reise nach Japan, um politische und militärische Kreise zu besänftigen, bei denen der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt im August 1939 große Irritationen ausgelöst hatte, konnte Haushofer abwenden.
Seine mehrmaligen Warnungen in Artikeln der Zeitschrift für Geopolitik vor der Gefährdung des Friedens, die er anfangs noch versteckt, später aber in erstaunlicher Offenheit äußerte, gipfelten im Juni 1938 in einer Art Denkschrift. Mit sehr klaren Worten warnte er darin den inzwischen zum Reichsaußenminister avancierten Joachim von Ribbentrop vor einem Krieg gegen die Tschechoslowakei. Dieser vermerkte lediglich lakonisch am Rande des Dokumentes Secret Service Propaganda.
Spätestens im Herbst 1938 hatte Albrecht Haushofer erkannt, dass seine Bemühungen, den Kurs der Außenpolitik zu beeinflussen, aussichtslos waren. Bei einigen seiner auswärtigen Gesprächspartner war er durch seine Versuche des Entgegenwirkens, vor allem bei seinen Verbindungen nach England, in Interessenkonflikte geraten. Ende Januar 1939 erfuhr er von dem deutschen Vorhaben einer Okkupation Böhmens. Nach der britisch-französischen Garantieerklärung für Polen vom 31. März 1939 sah Albrecht Haushofer für sich endgültig keine Möglichkeit mehr, einen Krieg zu verhindern, der, wie er seinen Eltern im Oktober und Dezember 1939 nach der Niederwerfung Polens schrieb, die Katastrophe des Deutschen Reiches, die „große Zerstörung Europas“, den Zusammenbruch „unserer ganzen Kulturwelt“ herbeiführen werde.