Albert Jules Graf de Dion, eigentlich Jules-Félix Philippe Albert de Malfiance, Comte (ab 1901 Marquis) de Dion de Wandonne (* 9. März 1856 in Nantes, Département Loire-Atlantique, damals noch Loire-Inférieure; nach anderen Angaben 1856 in Carquefou, Département Loire-Atlantique; † 19. August 1946 im Fernen Osten, nach anderen Angaben in Paris) war ein französischer Hochadliger, Automobilpionier, erfolgreicher Unternehmer und Mitbegründer des zeitweilig größten Automobilherstellers der Welt, De Dion-Bouton. Als Politiker war er langjähriger Abgeordneter der Französischen Abgeordnetenkammer und Senator für das Département Loire-Inférieure (heute Loire-Atlantique).
Der Stammsitz der Familie liegt im heutigen Königreich Belgien. Sie führt ihren Namen auf das Lehen Seigneurie de Dion-Le-Val zurück, heute ein Ortsteil von Chaumont-Gistoux, welches ein Vorfahre 1210 von Herzog Heinrich I. von Brabant und Niederlothringen erhalten hatte.
Durch die Gründung des Staates Belgien 1830 entstanden eine französische und eine belgische Adelslinie. Albert de Dion entstammt dem französischen Zweig der Familie. Unter den Ahnen sind ein Kreuzritter, Offiziere, Politiker und höhere Verwaltungsbeamte zu finden. Auch der Architekt und Architekturprofessor Henri de Dion (1828–1878) war ein Verwandter; dieser und nicht der in der Öffentlichkeit bekanntere Albert ist mit dem Namen „de Dion“ gemeint, der sich, mit 71 weiteren Forschern und Wissenschaftlern, in einem Fries am Eiffelturm findet.
Sitz der französischen de Dions bis zur Französischen Revolution war das Manoir d’Hezecques in Wandonne, einem Weiler bei Audincthan (Département Pas-de-Calais) im äußersten Norden Frankreichs.
Jules-Félix Philippe Albert de Dion ist der Sohn des Marquis Louis Albert Guillaume Joseph de Dion de Wandonne (1824–1901) und von Laure Félicie Cossin de Chourses (1833–1872). In der Dritten Republik herrschten große Standesunterschiede und Albert stammte als Angehöriger des französischen Hochadels – und dazu eines sehr alten Geschlechts – aus einer außerordentlich wohlhabenden und privilegierten Familie. Der Titel eines Comte (Grafen) wurde ihm in die Wiege gelegt, jenen eines Marquis (Markgraf) erbte er 1901 von seinem Vater.
Entsprechend seiner Herkunft wurde Albert de Dion erzogen. Mit 20 Jahren wurde er zum Germanistik-Studium nach München geschickt. Allerdings verwandte er einen beträchtlichen Teil seiner Zeit nicht aufs Lernen, sondern auf die Konstruktion einer kleinen Dampfmaschine. Die Kenntnisse dazu hatte er sich durch Anschauung und Lesen erworben – heimlich, denn in seinem sozialen Umfeld war es nahezu undenkbar, dass er sich mit so profanen Dingen wie der Mechanik abgab. Gerade sein Vater lehnte eine solche Beschäftigung als nicht standesgemäß ab, seine Mutter förderte ihn hingegen darin.
Albert de Dion blieb zeitlebens unverheiratet. Er war keineswegs ein Rebell und wusste die Vorzüge und Privilegien seiner vornehmen Herkunft zu schätzen und zu genießen. Zumindest in jungen Jahren waren ihm gesellschaftliche Anlässe und Glücksspiel ebenso wichtig und es war bekannt, dass er Meinungsverschiedenheiten gelegentlich mit einem Duell beizulegen suchte. De Dion war Mitglied des gesellschaftlich elitären Jockey-Club de Paris.
Wie es zum Kontakt mit dem Eisenbahningenieur Charles-Armand Trépardoux (1853–1920) und dessen Schwager, dem Mechaniker Georges Bouton (1847–1938) kam, hat de Dion in seinen Erinnerungen Images du Passé (1937; liegt nicht vor) so dargestellt: Die beiden betrieben in Paris an der Passage Léon in Clignancourt im XVIII Arrondissement eine Werkstätte zur Herstellung von physikalischen Apparaten und Präzisionsgeräten. Der Graf hatte zugesagt, als Festordner eines großen Balls zu wirken, den sein Freund, der Duc Auguste de Morny (1859–1920) geben wollte. Auf der Suche nach passenden Cotillon-Artikeln besuchten sie kurz vor Weihnachten 1881 das für Spielsachen und derlei Artikel bekannte Ladengeschäft Giroux am Boulevard des Italiens. Hier war eine von Bouton besonders sorgfältig gebaute Miniatur-Dampfmaschine ausgestellt. Sie hatte einen Alkohol-Brenner und einen gläsernen Zylinder, durch den die Bewegung des Kolbens sichtbar war. Sie weckte de Dions Interesse und veranlasste ihn, sich die Adresse des Ateliers geben zu lassen. Bereits eine Stunde später suchte er Trépardoux und Bouton auf.
Spielzeugherstellung war eine Tätigkeit, mit der sich Bouton und Trépardoux über Wasser hielten, wenn die Aufträge zu spärlich hereinkamen. Ohne zu wissen, wie sie ihr Projekt eines neuartigen, sehr leichten und leistungsfähigen Dampfkessels finanzieren konnten, arbeiteten sie in ihrer freien Zeit an dessen Entwicklung. Anwendungsbereich sollten Boote und ein geplanter, eigener Dampfwagen sein. Die Grundlagen lieferte Trépardoux, Absolvent der École impériale des arts et métiers in Angers und ein Fachmann für Dampfkesselbau und Schnellverdampfung. Schon nach de Dions erstem Besuch kam man überein, dass die beiden für 10 Francs am Tag für den Grafen arbeiten sollten; mit ihren Modellen kamen sie auf nur 8 Francs täglich.
Mit de Dions Kapital wurde 1882 das Unternehmen Trépardoux et Cie, ingénieurs-constructeurs gegründet. An der Rue Pergolèse 22 im XVII Arrondissement bezogen sie ein Haus mit mehr Platz und einem großen Garten, sodass Trépardoux und Bouton ihre Arbeiten unter besseren Bedingungen abschließen konnten. Der Name wurde sowohl gewählt, weil einzig Trépardoux ein abgeschlossenes Ingenieursstudium vorweisen konnte, wie auch, um de Dion aus der öffentlichen (und der väterlichen) Wahrnehmung herauszuhalten.
Der Dampfkessel wurde ein großer Erfolg und war in verschiedenen Dimensionen für verschiedene Anwendungen erhältlich.
Albert de Dion entdeckte den Verbrennungsmotor anlässlich des Besuchs der Weltausstellung Paris 1889, wo der später von Panhard & Levassor in Lizenz nachgebaute Daimler-Motor vorgestellt wurde. Nicht zuletzt aus Rücksicht auf Trépardoux forschte de Dion zunächst außerhalb des Unternehmens, stellte mit dem Ingenieur Delalande 1889 einen fähigen Konstrukteur ein und richtete an der rue Maur eine Werkstatt ein. Auf der Suche nach dem richtigen Konzept entwickelte de Dion auch selber Ideen, die in luftgekühlte Umlaufmotoren mit 4 und 12 Zylindern mündeten. Eine wassergekühlte Version meldete er 1890 zum Patent an. Sie nahm Merkmale des bekannten Gnôme-Flugzeugtriebwerks um 15 bis 20 Jahre vorweg. Als Sackgasse erwies sich der Versuch, einen Zweitaktmotor ähnlich einer Dampfmaschine zu konstruieren. Ab Ende 1891 oder Anfang 1892 war auch Georges Bouton involviert, was zum Bruch mit Trépardoux und dessen Ausscheiden aus dem Unternehmen führte. Der De Dion-Bouton Einzylindermotor wurde ein großer Erfolg und legte den Grundstein zum zeitweise größten Automobilhersteller der Welt.
Schwieriges Verhältnis zum Vater
Alberts Vater, dessen eigenes Steckenpferd die Archäologie war (er war Präsident der archäologischen Gesellschaft von Nantes) stand seinen unternehmerischen Plänen so kritisch gegenüber, dass er sogar versuchte, in Sorge um das Familienvermögen Albert den Umgang mit diesen mechanischen Dingen gerichtlich zu untersagen. Diese Vorliebe sei „kindisch und kaum vereinbar mit einem Mann von normaler Vernunft“. Mit der Zeit besserte sich zwar das Verhältnis; Albert de Dion hat es aber möglicherweise deswegen bis 1886 vermieden, seine Partnerschaft in den Établissements De Dion, Bouton & Trépardoux nach außen zu kommunizieren. Immerhin konnte sein Vater noch erleben, welchen ungeheuren Aufschwung das Unternehmen nahm.
Der Artilleriehauptmann Alfred Dreyfus (1859–1935) wurde 1894 des Hochverrats angeklagt und in einem höchst zweifelhaften Verfahren verurteilt. Es zeigte sich erst Jahre später, dass er unschuldig war, Regierungskreise, Armeeführung und sogar Richter intrigiert hatten, um diesen Schuldspruch zu erreichen, und später, um seine Rehabilitation zu hintertreiben. Die Dreyfus-Affäre erhielt eine zusätzliche Dimension durch Dreyfus’ jüdischen Glauben. Sie entwickelte sich zu einem der größten Skandale der Dritten Republik und spaltete die Nation.