Al-Andalus (arabisch الأندلس, Zentralatlas-Tamazight ⴰⵏⴷⴰⵍⵓⵙ Andalus) ist der arabische Name für die zwischen 711 und 1492 muslimisch beherrschten Teile der Iberischen Halbinsel. Staatsrechtlich war al-Andalus nacheinander eine von Kalif Al-Walid I. begründete Provinz des Kalifats der Umayyaden (711–750) bzw. der Abbasiden (750–756); diesen folgten das Emirat von Córdoba (756–929), das Kalifat von Córdoba (929–1031) sowie eine Gruppe von „Taifa“-(Nachfolger-)Königreichen. Später wurde es eine Provinz der nordafrikanischen Berber-Dynastien der Almoraviden und dann der Almohaden; in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts wurden große Teile – bis auf das Emirat von Granada – von den christlichen Reichen erobert. Während der Zeit des Kalifats war Córdoba ein führendes kulturelles und wirtschaftliches Zentrum sowohl des Mittelmeerraums als auch der islamischen Welt.
Die Etymologie des Wortes „al-Andalus“ ist umstritten. Als Name für die Iberische Halbinsel oder deren muslimisch beherrschten Teil ist das Wort zuerst belegt durch Münzinschriften der muslimischen Eroberer um 715.
Vertreter der traditionellen Theorie leiten den Namen von der Bezeichnung der Vandalen ab, des germanischen Stammes, der in Iberien von 409 bis 429 ein kurzlebiges Reich errichtete. Allerdings gibt es hierfür keine Quellenbelege, und es erscheint wenig glaubhaft, dass sich der Name über fast drei Jahrhunderte bis zur Ankunft der Araber 711 erhalten haben soll. Die Hypothese wird manchmal auf Reinhart Dozy, einen Orientalisten des 19. Jahrhunderts, zurückgeführt, aber Dozy fand sie vor und erkannte bereits manche ihrer Schwächen. Zwar nahm er an, dass sich „al-Andalus“ aus „Vandale“ entwickelte, doch meinte er, dass sich die Bezeichnung geographisch nur auf den – unbekannten – Hafen bezog, von dem die Vandalen Iberien in Richtung Afrika verließen.
Auch der Islamwissenschaftler Heinz Halm hat eine germanische Namensherkunft vermutet. Ihm zufolge sei al-Andalus die alte gothica sors (lateinisch für „Das Los der Goten“). Er rekonstruiert daraus ein gotisches landa-hlauts, dessen anlautendes <l> analog zu Alexandria (al-Iskandariyya), der Lombardei (al-Ankubardiyya), Alicante (lateinisch Leucante, arabisch al-Laqant oder Madinat Laqant) etc. von den Arabern als Teil des Artikels al- fehlgedeutet wurde.
Der Romanist Volker Noll widersprach der These Halms und stellte Überlegungen an, die zur Vandalen-Hypothese zurückkehrten.
Auch der Romanist Georg Bossong entgegnete Halm mit ortsnamenkundlichen, historischen und sprachstrukturellen Argumenten: Der Name stamme bereits aus vorrömischer Zeit, denn es gibt den Namen Andaluz für mehrere Orte in gebirgigen Teilen Kastiliens. Weiterhin ist das Morphem and- in spanischen Ortsnamen nicht unüblich, und auch -luz tritt mehrmals verteilt über Spanien auf. Weiter vermutet Bossong – ähnlichen Überlegungen von Dozy und Halm folgend – dass der Name ursprünglich der einer der Stadt Tarifa vorgelagerten Insel war – dem Ort, an dem im Juli 710 ein Vorauskommando hispanischen Boden betreten hatte und zugleich der südlichste Punkt der iberischen Halbinsel. Dieser Name hätte sich auf die Region Baetica und dann auf das maurische Spanien insgesamt übertragen.
Der These Bossongs wird allerdings entgegengehalten, dass die Ortsnamen mit -andaluz im Namen auch aus dem Mittelalter stammen und von al-Andalus abgeleitet worden sein können. Es war im Zuge der Repoblación nicht unüblich, christliche Andalusier in den Grenzgebieten anzusiedeln.
Das Invasionsheer von 711 bestand aus Arabern und (wohl größtenteils) aus nordafrikanischen Berbern.
Auf Befehl des Umayyaden-Kalifen al-Walid I. führte Tariq ibn Ziyad zunächst einen kleinen Trupp von Kriegern nach Iberien, die am 30. April 711 in Gibraltar landeten (siehe auch Islamische Expansion). Tariq ibn Ziyad konnte in der Schlacht am Río Guadalete (19. bis 26. Juli 711) einen Sieg über das westgotische Heer unter König Roderich erzielen, der sich als entscheidend für den weiteren Verlauf der Auseinandersetzung erwies. Er brachte sodann in einem siebenjährigen Feldzug den größten Teil der Iberischen Halbinsel unter muslimische Kontrolle. Anschließend überquerten die muslimischen Truppen schließlich auch die Pyrenäen und besetzten Teile von Südfrankreich. 732 wurden sie aber von den Franken unter Karl Martell in der Schlacht von Tours besiegt.
Damit wurde die Iberische Halbinsel unter dem Namen al-Andalus Teil des Umayyaden-Reichs, das hierdurch den Höhepunkt seiner Expansion erreichte. Allerdings begann schon 718 in einer entlegenen Berggegend Asturiens die Rebellion unter dem Westgoten Pelayo, die zur Gründung des zunächst sehr kleinen christlichen Königreichs Asturien führte.
Zunächst wurde al-Andalus durch vom Kalifen ernannte Statthalter regiert, deren Herrschaft zumeist weniger als drei Jahre andauerte. Jedoch führte eine Folge von kriegerischen Auseinandersetzungen verschiedener muslimischer Gruppen dazu, dass die Kalifen ihre Kontrolle verloren. Yusuf al-Fihri konnte, auch begünstigt durch die Schwäche der Umayyaden-Kalifen, sich als Hauptgewinner dieser Auseinandersetzungen durchsetzen und wurde zu einem faktisch unabhängigen Herrscher.
Das Emirat und das Kalifat von Córdoba
Im Jahr 750 stürzten die Abbasiden die Umayyaden und übernahmen die Herrschaft im Arabischen Reich. Jedoch konnte der von den Abbasiden vertriebene Umayyaden-Prinz Abd ar-Rahman I. (später ad-Dāchil genannt) im Jahr 756 Yusuf al-Fihri als Herrscher von al-Andalus entmachten und sich zum von den Abbasiden unabhängigen Emir von Córdoba erheben. In dreißigjähriger Herrschaft etablierte er gegen den Widerstand der al-Fihri-Familie und der Parteigänger der Abbasiden-Kalifen eine fragile Kontrolle über große Teile von al-Andalus.
In den folgenden 150 Jahren waren er und seine Nachkommen Emire von Córdoba und herrschten nominell über al-Andalus und zeitweise auch Teile des westlichen Nordafrikas. Aber der Umfang ihrer tatsächlichen Herrschaft schwankte und hing, insbesondere in den Marken an der Grenze zu den Christen, immer von den Fähigkeiten des jeweiligen Emirs ab. So reichte die Macht von Emir Abdallah um 900 nicht über Córdoba hinaus.
Dessen Enkel und Nachfolger Abd ar-Rahman III. konnte aber ab 912 die Macht der Umayyaden in ganz al-Andalus wiederherstellen und sie darüber hinaus auf Teile des Maghrebs ausdehnen. Im Jahr 929 proklamierte er sich zum Kalifen und brachte sein Reich damit in eine Konkurrenz sowohl zu dem Abbasiden-Kalifen in Bagdad als auch dem Fatimiden-Kalifen in Ifrīqiya, mit dem er um die Kontrolle des Maghrebs rang.
Die Periode des Kalifats wird von muslimischen Autoren als das goldene Zeitalter von al-Andalus betrachtet. Mit einem künstliche Bewässerungssysteme nutzenden Ackerbau sowie aus dem Nahen Osten importierten Nahrungsmitteln versorgte die Agrarwirtschaft Córdoba und andere Städte weit besser, als dies die Wirtschaft in anderen Gebieten Europas konnte. Unter dem Kalifat wurde Córdoba mit einer Bevölkerung von vielleicht 500.000 Einwohnern schließlich die größte und wohlhabendste Stadt in Europa noch vor Konstantinopel. Innerhalb der islamischen Welt war Córdoba eines der führenden kulturellen Zentren. Die Werke seiner wichtigsten Philosophen und Wissenschaftler, insbesondere Albucasis und Averroes, hatten erheblichen Einfluss auf die intellektuelle Entwicklung des mittelalterlichen Europa, und die Bibliotheken und Universitäten von al-Andalus waren in Europa und in der islamischen Welt berühmt und renommiert. So kamen nach der Eroberung von Toledo im Jahr 1085 Gelehrte aus anderen Ländern dorthin, um Übersetzungen wissenschaftlicher Literatur aus dem Arabischen ins Lateinische anzufertigen. Der bekannteste von ihnen war Michael Scotus (um 1175 – um 1235), der die Werke von Averroes und Avicenna später nach Italien brachte. Dieser Wissenstransfer hatte starken Einfluss auf die Entstehung der Scholastik im christlichen Europa.
Die Herrschaft des Kalifats von Córdoba brach durch einen ruinösen Bürgerkrieg zusammen, der von 1009 bis 1013 dauerte. Im Jahr 1031 wurde das Kalifat schließlich auch formal abgeschafft. Al-Andalus zerbrach in mehrere, im Wesentlichen unabhängige Staaten, die Taifas genannt wurden. Diese waren meist zu schwach, um sich gegen die ständigen Angriffe und Tributforderungen der christlichen Staaten im Norden und Westen zu wehren. Diese von den Muslimen so genannten galicischen Völker hatten sich von ihren ursprünglichen Stützpunkten in Galicien, Asturien, Kantabrien, dem Baskenland und der fränkischen Spanischen Mark ausgebreitet und wurden zu den Königreichen von Navarra, León, Portugal, Kastilien und Aragón sowie der Grafschaft Barcelona. Ihre Angriffe auf die Territorien der Taifa-Könige nahmen immer bedrohlichere Ausmaße an. Nach der Eroberung von Toledo durch Alfons VI. von Kastilien und León im Jahre 1085 nahm der Abbadiden-Herrscher al-Muʿtamid, der durch Alfons VI. stark in Bedrängnis geraten war, Kontakt mit anderen Taifa-Königen auf und organisierte eine Gesandtschaft zu dem Almoraviden-Herrscher Yusuf ibn Taschfin, um ihn um Unterstützung gegen Alfons VI. zu bitten. Yusuf ibn Taschfin, der kurz zuvor in hoher Geschwindigkeit Marokko erobert hatte, überquerte noch im gleichen Jahr die Straße von Gibraltar und fügte den Christen in der Schlacht bei Zallaqa eine schwere Niederlage zu. Dieser Schritt richtete sich auch in der Folge gegen die Taifa-Könige selbst, als die Almoraviden ihre Königreiche eroberten, nachdem sie sich nach dem Sieg über Alfons VI. nicht einig gezeigt hatten.