An diesem Tag

Al-ʿAzīz

Fünfter Kalif der Fatimiden (975–996)

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Abū l-Mansūr Nizār ibn al-Muʿizz (arabisch أبو المنصور نزار بن المعز, DMG Abū l-Manṣūr Nizār b. al-Muʿizz; * 10. Mai 955 in Mahdia; † 13. Oktober 996 in Bilbeis) war ab 975 bis zu seinem Tod unter dem Herrschernamen al-ʿAzīz billah (العزيز بالله / al-ʿAzīz biʾllāh / ‚der durch Gott Mächtige‘), in der deutschsprachigen Literatur kurz al-Aziz genannt, der fünfte Kalif der Fatimiden und der fünfzehnte Imam der Schia der Ismailiten.

Prinz Nizar wurde am 10. Mai 955 als dritter Sohn des Kalifen al-Muizz geboren. Seine Mutter, die Hauptkonkubine des Vaters (as-Sayyida al-Muʿizzīya), hieß Durzan (gest. 995) und war von arabisch-beduinischer Herkunft. Wohl wegen ihrer Gesangskunst wurde sie auch „Gezwitscher“ (Taġrīd) genannt. Die älteren Brüder des Prinzen waren Tamim (gest. ~984/86) und Abdallah (gest. 974), von denen der Zweitgeborene zum Nachfolger des Vaters designiert wurde. Als Fünfzehnjähriger ist Nizar erstmals Vater geworden, als ihm seine erste Konkubine (gest. 995) im Jahr 970 eine Tochter gebar, die als „Herrin des Reiches“ (Sitt al-Mulk) bekannt wurde. Wohl etwas später wurde er auch Vater eines ersten Sohnes, der allerdings noch im Kindesalter verstarb.

Im Jahr 973 siedelte die Kalifenfamilie samt ihrem Hofstaat von „Afrika“ (Ifrīqiya, heute Tunesien) in ihre neue Palaststadt Kairo in Ägypten um. Schon im Jahr darauf ist Kronprinz Abdallah an einer Krankheit verstorben, von der auch der Vater befallen wurde. Am 23. Dezember 975 wurde Nizar unter Ausschluss der Öffentlichkeit vom schwerkranken Vater zum neuen Nachfolger designiert. Sein älterer noch lebender Bruder Tamim wurde in dieser Entscheidung erneut übergangen. Nur wenige Tage darauf ist al-Muizz gestorben, doch wurde sein Tod über sechs Monate lang geheim gehalten, um die Herrschaftsübernahme Nizars so reibungslos wie nur möglich gestalten zu können. Erst zum Schlachtopferfest am 9. August 976 wurde der Tod des alten und die Inthronisierung des neuen Kalifen mit dem Herrschernamen „der durch Gott Mächtige“ (al-ʿAzīz biʾllāh) dem Volk verkündet. 979 hatte der Kalif eine nicht näher identifizierte Cousine geheiratet, die er mit einer Mitgift von 200.000 Golddinar ausstattete. Aber sein zweiter Sohn Mansur wurde ihm am 18. August 985 aus der Verbindung mit einer christlich-melkitischen Konkubine geboren, der auch sein Nachfolger als Kalif al-Hakim (gest. 1021) werden sollte.

Als Königsmacher des Jahres 976 hatte sich in Kairo zunächst noch der altgediente General Dschauhar as-Siqillī, der Eroberer Ägyptens, profilieren können, der die ersten Monate unter al-ʿAzīz sogar als eigentlicher Regent amtierte. Nach dessen Niederlage in Syrien 978 aber übernahm der Kalif persönlich die Zügel des Staates und bestellte erst am 18. April 979 den vom Judentum zum Islam konvertierten Yaqub ibn Killis zum neuen Wesir, der zu einem lebenslangen Freund und Vertrauten des al-ʿAzīz, ja zum eigentlichen Architekten des Fatimidenstaates wurde. Damit begann eine zweiundzwanzig Jahre andauernde fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Kalif und Wesir, die Ägypten in eine fast hundert Jahre andauernde Ära innerer Stabilität und Prosperität führte. Gestützt auf einer von Christen und Juden dominierten Beamtenschaft, die das Erbe der byzantinischen Staatskunst repräsentierte, konnte eine Erneuerung des ägyptischen Verwaltungsapparats vorgenommen werden, der die Grundlagen für die große Machtentfaltung der Fatimiden unter al-ʿAzīz und den ihm unmittelbar nachfolgenden Kalifen legte. Durch Investitionen in Sicherheit und Infrastruktur, eine funktionierende Rechtsprechung, effiziente Steuererhebung und eine stabile Währung wurde der Aufstieg des Nillandes sowohl wirtschaftlich als auch politisch zur zweiten Großmacht des östlichen Mittelmeerraums neben dem byzantinischen Reich ermöglicht.

Der neue Wohlstand wurde auch in einer umfangreichen Bautätigkeit und Förderung der Gelehrsamkeit durch den Kalifen und seinen Wesir erkennbar. Weil sich die Gelehrten der sunnitischen Amr-Moschee weigerten, die Grundsätze der ismailitischen Rechtsschule in ihren Lehrplan aufzunehmen und in ihren Rechtsgutachten (fatwā) zu berücksichtigen, stiftete al-ʿAzīz nach dem Rat seines Wesirs im Jahr 988 fünfunddreißig Lehrstühle für die ismailitische Schule an der al-Azhar-Moschee, womit er der eigentliche Begründer der bis heute bedeutendsten Lehreinrichtung für islamisches Recht wurde. Zum Ramadan desselben Jahres wurde vor dem Nordtor Bab al-Futuh das Fundament für die neue al-Anwar-Moschee gelegt, die die zu klein gewordene al-Azhar als Freitagsmoschee ablösen sollte. Genau fünf Jahre im Mondkalender später zum Ramadan 993 konnte die immer noch im Bau befindliche al-Anwar von al-ʿAzīz eingeweiht werden, der zu diesem Anlass seinen Sohn Mansur unter dem goldenen Sonnenschirm (miẓalla) der Öffentlichkeit und damit als seinen Nachfolger präsentierte.

Unter al-ʿAzīz hat die Genealogie seiner Dynastie ihre endgültige Form erhalten (siehe Stammtafel der schiitischen Imame). Offiziell haben die Imam-Kalifen der Fatimiden zwar nie einen Stammbaum präsentiert, im Disput mit dem rivalisierenden Kalifenhof der Abbasiden von Bagdad aber sahen sie sich genötigt, die Legitimität ihres Kalifats zu begründen, und die Grundlage dieser Legitimation beruhte auf ihre beanspruchte Abstammung von der Prophetentochter Fatima aus deren Ehe mit Ali. Doch der mächtige Schutzherr der sunnitischen Abbasiden, der Schiit Adud ad-Daula (gest. 983), der ungeachtet dessen die ismailitische Mission in seinem Herrschaftsbereich duldete, verlangte dazu eine detaillierte Stellungnahme aus Kairo. Unter entscheidender Mitwirkung des Ibn Killis wurde der Stammbaum erstellt, so wie er bis heute in der ismailitischen Schia anerkannt ist. Die genealogische Anknüpfung der Fatimiden an die Nachkommen Alis wurde dabei über den Urahn der Dynastie und Gründer der ismailitischen Mission Abdallah al-Akbar hergestellt, der laut ihrem Bekenntnis ein leiblicher Sohn des siebten Imams Muhammad ibn Ismail gewesen und damit ein Nachkomme des Propheten in achter Generation war. Anders als die Abbasiden, die als Angehörige des weit umfassenden Clans der Quraisch nur entfernt mit dem Propheten verwandt waren, konnten die Fatimiden so eine direkte Abstammung geltend machen. Seitens der Abbasiden wurde diese Abstammung als betrügerische Fiktion deklariert. Gestützt auf ein Gutachten ihnen gesinnter Scherifen/„Edlen“, also anerkannten Nachkommen des Prophetenhauses, wiesen sie die Genealogie der Fatimiden und damit deren Anspruch auf das Kalifat zurück. Je nach vertretenem Standpunkt wird dieser Aspekt noch heute in der Geschichtswissenschaft kontrovers behandelt.

Bereits am 23. Februar 991 war Ibn Killis gestorben. Al-ʿAzīz sprach für ihn das Totengebet und legte ihn mit eigener Hand ins Grab. Erst 994 vertraute der Kalif die Aufsicht über die Ministerien wieder einer Person an, dem koptischen Christ Isa ibn Nasturus (gest. 997), der allerdings nicht den Titel des Wesirs erhielt.

Das bestimmende Thema in der Herrschaft des al-ʿAzīz war die Fortsetzung der territorialen Expansion des fatimidischen Kalifats nach Osten, mit der Überwindung des sunnitischen Kalifats der Abbasiden in Bagdad als Endziel. Nach der unter seinem Vater vollendeten Eroberung Ägyptens, hatte für ihn nun jene von Palästina und Syrien erste Priorität. In den vorangegangenen Jahren waren die fatimidischen Heere hier allerdings auf den starken Widerstand der Scharren der Qarmaten, der abtrünnigen Schwestersekte der Ismailiten, sowie auf den kriegstüchtigen türkischen Machthaber Alp Tegin gestoßen. Im Juli 976 führte General Dschauhar as-Siqillī das fatimidische Heer ein weiteres Mal nach Syrien, doch scheiterte er dort bei der Belagerung von Damaskus, worauf er sich verlustreich nach Aschkelon zurückziehen musste und dort seinerseits von den Qarmaten belagert wurde. Nach über einem Jahr hatte der General schließlich im März 978 unter demütigen Bedingungen kapitulieren müssen, konnte aber nach Ägypten abziehen, wo er in den Ruhestand versetzt wurde. Nun zog al-ʿAzīz persönlich an der Spitze eines Heeres nach Syrien, als letzter Fatimidenkalif überhaupt trat er als Feldheer auf. Nachdem er Palästina im Handstreich unterworfen hatte, konnte er am 15. August 978 in der Schlacht am Mühlenfluss einen vollständigen Sieg über Alp Tegin erringen, der dabei gefangen genommen wurde. Im Triumph konnte al-ʿAzīz am 28. Oktober 978 nach Kairo zurückkehren, aber Syrien selbst blieb die kommenden Jahre im Zustand der Anarchie zurück, da es den fatimidischen Heeren nicht gelang die stark befestigte Hauptstadt Damaskus einzunehmen, oder die notorisch unbotmäßigen Beduinenstämme zu unterwerfen.

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