Als Ainu (Ainu アィヌ Aynu; japanisch アイヌ Ainu; russisch Айны Ainy, seltener Aino) werden die Ureinwohner des nördlichen Japan (Hokkaidō) und Teilen Russlands (Sachalin, Kurilen) bezeichnet. Genetische und anthropologische Untersuchungen legen nahe, sie als direkte Nachfahren der prähistorischen Jōmon-Kultur zu betrachten, deren Angehörige in einer Kernzeit von 14.000 bis 300 v. Chr. in ganz Japan lebten.
Heute nennen sich die indigenen Ainu selbst Ainu oder Utari. Ainu bedeutet „Mensch“, Utari „Kamerad“ in der Ainu-Sprache. Sie lebten noch bis in die jüngere Vergangenheit als traditionelle Jäger und Sammler: Die wichtigste Nahrungsquelle der Küsten- und Flussgruppen waren die fünf wichtigsten Arten pazifischer Lachse, die mit dem Speer erlegt wurden. Die Ainu der Wälder und Berge jagten hauptsächlich Sikahirsche und Braunbären. Alle ernährten sich zudem von den verschiedensten essbaren Pflanzen.
Während die Ausübung traditioneller Kulte, Kunsthandwerk und Materialkultur vor allem aus touristischen Gründen heute gefördert wird, unterliegen Jagd, Fischfang und Sammeltätigkeiten – auch zur ausschließlichen Subsistenzwirtschaft – heute gesetzlichen Verboten. Da Japan das Übereinkommen über eingeborene und in Stämmen lebende Völker in unabhängigen Ländern von 1989 nicht ratifiziert hat, besteht derzeit keine rechtliche Möglichkeit für die Ainu, diese Tätigkeiten gegebenenfalls zu revitalisieren. Stattdessen betreiben sie heute kommerzielle Landwirtschaft und Fischerei oder sind Lohnarbeiter in der Forstwirtschaft, im Speditions- oder Baugewerbe oder verdingen sich im Tourismus (Restaurants und Gasthäuser, Verkauf von traditionellem Kunsthandwerk beziehungsweise Souvenirs).
Historisches Siedlungsgebiet der Ainu ist Hokkaidō (alter Name: Ezo), Süd-Sachalin, die Kurilen-Inseln und das Gebiet der heutigen Präfektur Aomori.
Umstritten ist, ob Ainu auch auf Kamtschatka, an der Amur-Mündung und weiteren Gebieten auf Honshū siedelten. Die Ainu könnten Nachkommen einer indigenen Bevölkerung sein, die einst weit über Nordasien verbreitet war. Historischen Dokumenten zufolge waren sie bis zur frühen Neuzeit auch noch im nördlichsten Gebiet von Honshū – der heutigen Aomori-Präfektur – ansässig. Ortsnamen in den Präfekturen Aomori, Akita und Iwate zeigen, dass dort früher verwandte Sprachen verbreitet waren. Am häufigsten sind Namen, die auf -nai (ナィ) und -betsu (べつ) enden – japanische Transkriptionen der Ainu Wörter für „Strom“ nay /naj/ und „Fluss“ pet /pet/.
Heute leben offiziell zwischen 25.000 und 200.000 Menschen in Japan, die sich als Ainu bezeichnen.
Seit Jahrhunderten findet eine fortschreitende Vermischung mit Japanern statt, so dass die Zuordnung vor allem auf Selbstzuschreibung beruht. Aufgrund der immer noch existierenden Diskriminierung der Ainu ist anzunehmen, dass ihre Zahl tatsächlich deutlich höher ist. In Süd-Sachalin und auf den Kurilen soll es seit der Zwangsumsiedlung der Japaner durch die Sowjetunion nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 keine Ainu mehr geben.
Genetische Untersuchungen haben ergeben, dass die Wurzeln der indigenen „Urvölker“ Japans in der Jōmon-Zeit liegen.
Einige Ainu haben eine hellere Hautfarbe, eher an Europäer erinnernde Augen ohne die typisch ostasiatische Lidfalte und besitzen eine vergleichsweise starke Körperbehaarung, die dunkelbraun oder schwarz ist (bekannt sind hier besonders die langen Vollbärte der Männer). Einige Anthropologen der veralteten Rassentheorien wie Egon von Eickstedt sahen in ihnen daher Angehörige der „europiden Rasse“. Tatsächlich fand eine Studie von 2015 eine Verwandtschaft derjenigen Gene, die die Gesichtsform bestimmen. Eine Gleichheit oder Ähnlichkeit von einzelnen Genen oder Gruppen von Genen ist allerdings kein Beweis für eine Verwandtschaft oder Abstammung. Die Mehrheit der Ainu ähnelte aber den anderen Völkern rund um das Ochotskische Meer und die Arktischen Regionen Nordamerikas.
In jüngster Zeit mehren sich die Hinweise auf einen heterogenen Ursprung der Ainu. Genetische, anthropologische sowie archäologische Daten aus einer Studie von Lee und Hasegawa von der Waseda-Universität weisen auf eine Kombination von einer aus Zentralasien stammenden paläolithischen Bevölkerung mit einer aus Nordostasien stammenden Bevölkerung hin, welche beide zu unterschiedlichen Zeiten in das Japan der Jōmon-Zeit einwanderten und eine gewisse Zeit weitgehend friedlich nebeneinander lebten. Aufgrund unbekannter Ursachen (angenommen sind ökologische Veränderungen) vermischten sich diese beiden weitgehend unterschiedlichen Bevölkerungen und gingen in die historischen Ainu auf. Laut Lee und Hasegawa ist der Ursprung der Ainu-Sprache einer der beiden Bevölkerungen zuzuordnen. Laut ihren linguistischen Daten ist ein Ursprung der Ainu-Sprache von nordost-asiatischen Jägern und Sammlern plausibler, da das Ainu einen großen Teil an Vokabular mit diversen Sprachen rund um das Ochotskische Meer teile, jedoch kann kein eindeutiges Ergebnis erzielt werden. Ähnliche Resultate erzielte eine Studie von Schmidt und Seguchi im Japanischen Journal für Archäologie und Geschichte.
Die ältesten archäologischen Funde auf Hokkaidō werden auf etwa 18.000 v. Chr. datiert (also noch ins Pleistozän).
Nach der Meinung einiger Historiker ist das in den alten japanischen Quellen erwähnte Volk der Emishi (Ezo) identisch mit den Ainu. Andere sehen eines der beiden Völker als regionale Gruppe der anderen oder beide als getrennte Ethnien.
Unter massiven japanischen Einfluss gerieten die Ainu im nördlichen Honshū bereits in der Heian-Zeit um das Jahr 1000. An der Südküste von Hokkaidō (damals Ezo) wirkten die Japaner erstmals in der Kamakura-Zeit (1185–1333). Ihr Einfluss blieb jedoch bis zum Ende des 16. Jahrhunderts auf die Oshima-Halbinsel beschränkt. Das änderte sich im Jahr 1599, als Hokkaidō vom Shōgunat als Lehen Matsumae an die gleichnamige Familie vergeben wurde. Das Land wurde als wertlos angesehen, da es damals noch nicht möglich war, in den nördlichen Breiten Reis anzubauen, entsprechende Sorten wurden erst in der Meiji-Zeit entwickelt. Daher beschränkten sich die Matsumae darauf, Posten für den Handel mit Pelzen und Trockenfleisch einzurichten.
Im 19. Jahrhundert richteten die Matsumae dann auf Ezo Fischereihäfen ein und zwangen die ehemaligen Jäger und Sammler, auf Fischerbooten und in Häfen zu arbeiten. 1869 wurde Ezo als Hokkaidō ein Teil Japans, und das Land zur Besiedlung durch Japaner freigegeben. Es gab Versuche, den Ainu Land zu geben und sie zu Bauern zu machen, diese scheiterten. Die traditionelle Ainu-Kultur wurde dabei und durch den aufkeimenden japanischen Nationalismus endgültig zerstört. Durch Zwangsarbeit, Zerstörung ihrer Kultur und fehlgeschlagene Versuche, sie als Bauern anzusiedeln, endeten viele Ainu in Armut und Alkoholismus. Japan setzte auf aggressive Assimilierung: Die Ureinwohner mussten japanische Schulen besuchen und japanische Bräuche annehmen. Ihre traditionellen Tätowierungen (Anci-Piri: der „Ainu-Bart“ bei Frauen), Kleidung, Religion und Opferrituale wurden verboten.
Die Ainu auf Sachalin und den Kurilen konnten ihre Kultur etwas länger frei von fremden Einflüssen halten. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts waren die auf den Nordkurilen lebenden Ainu zur russisch-orthodoxen Kirche übergetreten und sprachen auch Russisch. Nachdem die Inseln an Japan gefallen waren, wurde der größte Teil per Zwangsumsiedlung nach Schikotan näher an die japanischen Inseln herangeholt, wo sie, durch schlechte Lebensbedingungen dezimiert, an ihrem christlichen Glauben festhielten und eigenständig eine Kirche errichteten. Ein Teil wanderte nach Kamtschatka aus. Als die Sowjetarmee gegen Ende des Zweiten Weltkriegs die südlichen Kurilen inklusive Schikotan einnahm, emigrierten die restlichen Ainu nach Hokkaidō. Die Kurilen-Ainu gelten heute als ausgestorben. Die letzte bekannte Kurilen-Ainu-Frau starb 1972 und wurde kirchlich beerdigt.
Erst in den 1970er-Jahren gab es erste staatlich gestützte Rekonstruktionsversuche, auch aus dem Motiv heraus, den Tourismus zu fördern. Nachdem in Japan lange Zeit die Sprachregelung herrschte, dass Japan schlichtweg keine Minderheiten habe, sind die Ainu heute eine anerkannte Minderheit. Einige Ainu haben Hokkaidō verlassen und siedeln in anderen Teilen Japans, wo sie nicht mehr als Minderheit erkannt werden und daher keine Statusnachteile erleiden.