Agostino Chigi, il Magnifico, der Prächtige genannt (* 1. Dezember 1466 in Siena; † 11. April 1520 in Rom) war einer der reichsten Männer der Renaissancezeit, Bankier der Päpste Alexander VI., Julius II. und Leo X., erfolgreicher Unternehmer, Auftraggeber und Mäzen berühmter Künstler und Literaten seiner Zeit wie Raffael, Perugino, Sebastiano del Piombo, Giovanni da Udine, Giulio Romano und Sodoma sowie Pietro Aretino und Egidio Gallo. Sein Leben ist in einer umfangreichen Quellensammlung erhalten, die sein Großneffe Fabio Chigi, der spätere Papst Alexander VII., zur Dokumentation seiner Familiengeschichte zusammengetragen hat. Diese befindet sich heute in der Vatikanischen Apostolischen Bibliothek. Wichtige Verträge und Dokumente der Chigi-Banken sind noch heute im römischen Staatsarchiv aufbewahrt und geben einen Einblick in die Geschäftswelt zu Beginn des 16. Jahrhunderts.
Agostino Chigi wurde am 1. Dezember 1466 als Sohn von Mariano Chigi (1439–1504) und Margarita Baldi neben weiteren sieben Kindern in Siena geboren. Die Familie Chigi (in zeitgenössischen Dokumenten und Inschriften oft auch Chisi) ist in Siena seit dem 13. Jahrhundert meist als Händler und Bankiers nachweisbar. Unter Lorenzo Chigi, der 1377 Mitglied des Konsistoriums war, erhielt die Familie den Adelstitel. Sein Großvater Agostino di Nanni hatte 1445 und 1448 führende Ämter der Republik Siena inne und amtierte als ihr Botschafter beim Heiligen Stuhl. Der Aufstieg der Familie setzte sich auch unter seinem Vater fort, der unter Papst Sixtus IV. Bankier in Rom und Mitglied des Sieneser Rates war.
Bankier der Päpste, Fürsten und Dogen
Chigi absolvierte seine Lehrzeit in den Banken seines Vaters in Siena und Viterbo sowie im römischen Bankhaus Ambrogio Spannocchi. 1486 machte ihn sein Vater zum Teilhaber des sienesischen Bankhauses Ghinucci. 1502 gründete Agostino zusammen mit seinem Vater und dem sienesischen Patrizier Matteo Tommasi eine eigene Bank in Rom. Der Sitz der Bank in der Contrada dei Banchi (heute Teil des Rione Ponte an der Engelsbrücke) umfasste fünf Geschäftslokale. Das in Erbpacht angemietete Haus der Chigi neben der Bank war sein ständiger Wohnsitz, während die ab 1508 erbaute Villa Farnesina in Trastevere überwiegend als Repräsentations-, aber auch als Rückzugsort diente.
Der Geschäftsschwerpunkt richtete sich auf den päpstlichen Hof. Anfänglich war Chigi lediglich einer der vielen „mercatores Romanam Curiam sequentes“ (Händler, die der Römischen Kurie folgten).
Durch eine Papst Alexander VI. angebotene raffinierte Finanzierung von Kornlieferungen, die 1494 eine Hungersnot in Rom verhinderte, erlangte er das Vertrauen dieses Papstes. Die geschäftlichen Beziehungen Chigis mit Alexander VI. und dessen Sohn Cesare Borgia gestalteten sich daraufhin eng; er finanzierte beispielsweise mit einem Kredit von 20.000 Dukaten deren Feldzüge in Norditalien.
Obwohl Julius II., dessen Papstwahl er 1503 mitfinanziert hatte, auf Grund seiner Feindschaft zu den Borgia alle von Alexander VI. geschlossenen Verträge für ungültig erklärt hatte, ließ er die mit Chigi geschlossenen bestehen. Zur Besicherung der Finanzierung der Feldzüge des Papstes wurden ihm alle Salinen des Kirchenstaates verpachtet. Selbst die päpstliche Tiara diente mehrfach als Pfand. Für einen Kredit von 40.000 Golddukaten diente die Mitra Papst Paul II. Chigi festigte unter Julius II. seine geschäftlichen Erfolge, wurde zum finanzkräftigsten Mann seiner Zeit und erlangte eine Reihe von käuflichen Ehrenämtern wie das des päpstlichen Schatzmeisters. 1507 oder 1509 nahm der Papst ihn und seinen Bruder Sigismondo in seine Familie der Della Rovere auf und verlieh ihm das Recht, die Eiche (ital. rovere) auch in seinem Wappen zu führen.
Mit Leo X., dem Medici-Papst, verband ihn eine enge Freundschaft. Er finanzierte unter anderem einen guten Teil der Ausgaben für dessen Papstkrönung. Der Kredit belief sich auf 75.000 Dukaten. Als Pfand erhielt er ein kostbares, mit Edelsteinen besetztes Pektorale aus päpstlichem Besitz und später noch eine mit Diamanten besetzte Tiara. Für die feierliche Possessio (Besitzergreifung der Lateranbasilika durch den neugekrönten Papst nach dem vorgeschriebenen Ritual) von Leo X. ließ Chigi 1513 in der Contrada dei Banchi (heute Via die Banchi Vecchi) einen Triumphbogen über die Prozessionsstraße errichten. Der Bogen trug eine Inschrift in goldenen Lettern, die auf Charakteristiken der Päpste Alexander VI., Julius II. und Leo X. hinwiesen: OLIM HABVIT CYPRIS SVA TEMPORA; TEMPORA MAVORS OLIM HABVIT; SVA NVNC TEMPORA PALLAS HABET (Einst hatte die Liebesgöttin ihre Zeit, seine Zeit hatte einst der Kriegsgott; nun hat die Göttin der Weisheit ihre Zeit).
Im Jahr 1497 räumte er dem Herzog von Urbino, Guidobaldo I. da Montefeltro, einen Kredit in Höhe von 111.173 Dukaten ein. Durch die Vergabe eines Kredites über 150.000 Dukaten an die Republik Venedig, als diese im Kampf gegen die Liga von Cambrai dringend Geldmittel benötigte, konnte er sich auch auf dem venezianischen Markt vertraglich eine Monopolstellung im Alaunhandel zusichern lassen. Außerdem wurde ihm der Ehrentitel „Sohn von San Marco“ verliehen. Der venezianische Chronist Marin Sanudo schildert in seinen Diarii 1511 die regen Geschäfte Chigis mit dem Dogen von Venedig, der ihm gegen 2.000 Dukaten den Kirchenschatz von San Marco verpfändete. Ein Jahr vor seinem Tod räumte er der Republik Venedig noch einen Kredit von 20.000 Dukaten ein.
Man schätzte sein Vermögen in jener Zeit auf 800.000 Dukaten und sein Jahreseinkommen auf rund 70.000 Dukaten. Er soll allein mehr Silber als der gesamte römische Adel besessen haben. Republiken, Fürstentümer, Christen und Heiden, Päpste und Sultane bemühten sich gleicherweise um seine Dienste in Geldangelegenheiten und waren willens, ihm das Eintreiben von Steuern und Zöllen anzuvertrauen.
Die Handelsverbindungen in Europa und im Osmanischen Reich bildeten eines der wichtigsten Elemente in den Geschäften Agostino Chigis. Zum einen erlaubten sie ihm, mit wesentlichen und unabhängigen Gewinn außerhalb des Kirchenstaates weitere Märkte und Interessen zu erschließen, zum anderen hatte die Kurie großes Interesse an den wertvollen Handelsgütern. Sein Unternehmen hatte Niederlassungen in Alexandria, Memphis, Konstantinopel, London, Paris, Lyon, Antwerpen, daneben allein in Italien mehr als 100 Kontore. 1507 verpfändete ihm die Republik Siena auf vierzig Jahre den Hafen von Porto Ercole, womit er seinen eigenen Hafen für seine an die hundert Schiffe umfassende Handelsflotte bekam. Er erlangte das Handelsmonopol über drei wichtige Stapelwaren: Alaun, Salz und Getreide. Er unternahm selbst ausgedehnte Handelsreisen, um die Beziehungen zu seinen Handelspartnern zu vertiefen und neue Geschäfte anzubahnen. Sultan Selim I. soll Agostino edle Pferde und Hunde als Geschenk geschickt haben. Die vom „Großen Türken“ an Agostino geschickten Briefe waren an den ‘Gran Mercante di Christianità‘ (an den Großen Kaufmann der Christenheit) adressiert.
Im Wesentlichen verdankte Chigi seinen Reichtum den ihm seitens Alexander VI. und den folgenden Päpsten zugestandenen Abbau- und Vermarktungsrechten von Alaun, das in ungeheuren Mengen um 1460 bei Tolfa entdeckt worden war. Er beschränkte sich nicht nur auf die Gewinnung des Minerals, sondern baute die gesamte Kette des Produktionsprozesses bis zur Vermarktung des Endproduktes auf. Alaun war für die europäische Wirtschaft von grundlegender Bedeutung; Verwendung fand es in den Gerbereien, als Beize bei der Wollfärbung und in der Wundheilkunde als Adstringens. Bis dahin war es von Venedig aus Kleinasien importiert worden. Durch die vertragliche Sicherung des Hafens in Porto Ercole konnte er die Handelsrouten in ganz Europa und den Orient aufbauen und so seine Monopolstellung im Alaunhandel in erheblichem Umfang ausdehnen.
1492 erhielt er von Papst Alexander VI. die Vermarktungsrechte für Salz übertragen. In den Salinen von Ostia, Corneto, Camposalino, Cervia und Manfredonia wurde es durch natürliche Verdunstung des Meerwassers gewonnen und entsprechend der Einwohnerzahl in alle Städte und Dörfer bis zum letzten Weiler, sowohl im Kirchenstaat als auch im Königreich Neapel, verteilt. Dafür stellten ihm sowohl der Papst als auch der Vizekönig von Neapel die offiziellen Einwohnerlisten zur Verfügung. Die Übertragung dieser Rechte war Ausdruck enormer Großzügigkeit oder Zeichen großer finanzieller Abhängigkeit.