Agathe de Saint-Père (* 25. Februar 1657 in Pointe-Saint-Charles, Montreal; † 19. August 1747 in Quebec) war die erste bezeugte Frau im nordamerikanischen Neufrankreich, die als Unternehmerin tätig wurde. Während einer Hanf- und Flachsknappheit gelang es ihr, aus lokalen Pflanzenfasern Textilien und Färbemittel herzustellen und somit die Bevölkerung mit preiswerten Stoffen zu versorgen. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts eröffnete sie die erste Textilfabrik in Neufrankreich und wird somit als Begründerin der kanadischen Textilindustrie betrachtet. In Anerkennung ihrer Verdienste hob König Ludwig XIV. von Frankreich das Verbot auf, in den Kolonien Textilien herzustellen und zahlte Agathe de Saint-Père eine jährliche Rente.
Agathe de Saint-Père war das zweite Kind von Mathurine Godé und Jean Saint-Père. Ihr Vater entstammte dem niederen Adel Frankreichs aus der Nähe von Montereau und war der erste Notar Fort Ville-Maries, Ausgangspunkt des späteren Montreal. Beide Eltern gehörten zur Gruppe der sogenannten Montréalistes, einer religiös motivierten Gruppierung, deren Ziel es war, den katholischen Glauben unter den First Nations zu verbreiten. Die Montréalistes waren gemeinsam mit Paul Chomedey de Maisonneuve und Jeanne Mance fünfzehn Jahre zuvor nach Neufrankreich gekommen und hatten die Siedlung gegründet. Beide Familien waren recht wohlhabend und bewegten sich in den höchsten Kreisen der Kolonisten. So brachte die vierzehnjährige Mathurine Godé 500 Pfund als Mitgift in die Ehe ein und der 33-jährige Jean Saint-Père besaß ein eigenes Grundstück von 4000 Quadratmetern mit Blockhütte darauf. Als Hochzeitsgeschenk erhielt das junge Paar von Maisonneuve ein 16 Hektar großes Grundstück in der Gegend Pointe-Saint-Charles, sowie das Jagdrecht.
1655 wurde ihr Sohn Claude geboren, 1657 ihre Tochter Agathe. Zu Agathes Taufe zwei Tage nach ihrer Geburt stand u. a. Marie Barbe de Boullogne, Ehefrau des Gouverneurs von Neufrankreich, Pate. Nur wenige Monate später, am 25. Oktober 1657, wurde Jean Saint-Père gemeinsam mit seinem Schwiegervater Nicolas Godé und dessen Diener Jacques Noël während eines Überfalls von vermutlich Oneida getötet. Seine junge Witwe heiratete daraufhin in zweiter Ehe Jacques Le Moyne de Sainte-Marie und zog mit ihren Kindern in sein Stadthaus ein. Die Ehe brachte zehn weitere Kinder hervor. Da ihre jüngeren Töchter die Schule von Margareta Bourgeoys besuchten, gehen Historiker davon aus, dass Mathurine Godé auch ihre Tochter aus erster Ehe dorthin schickte. Ihr ältester Sohn Claude aus erster Ehe ertrank im Jahr 1662.
Godé starb schließlich während einer Geburt, woraufhin die inzwischen 15-jährige de Saint-Père die Führung des Haushalts übernahm und sich um ihre jüngeren Halbgeschwister kümmerte. Auch half sie ihrem Stiefvater bei seinen Handelsgeschäften. So war sie um 1680 eine von 35 Lieferanten, die Handelsposten mit Ausrüstung versorgten und erhielt vom Gouverneur Handelsurlaub für Reisen, u. a. nach Outaouais und Fort Michilimackinac. Vermutlich aus diesem Grund heiratete sie für die damalige Zeit erst recht spät im Alter von 28 Jahren, am 28. November 1685. Nur wenige Monate zuvor hatte sie als einzige Überlebende das Erbe ihrer Eltern angetreten und war somit Hausbesitzerin aus eigenem Recht geworden. Ihr Mann war Pierre Legardeur de Repentigny, ein Marineoffizier der neufranzösischen Flotte. Sein gleichnamiger Großvater war Admiral der neufranzösischen Flotte und Vater des Begründers der Siedlung Repentigny gewesen. Im Verlaufe seiner Karriere sollte de Repentigny Chevalier d’ Ordre royal et militaire de Saint-Louis und ein wohlhabender Landbesitzer werden.
Die Ehe brachte einen Sohn und sieben Töchter hervor, von denen sechs das Erwachsenenalter erreichten. Da Agathe de Saint-Père keine persönlichen Aufzeichnungen hinterließ, ist unbekannt, ob es sich um eine Liebesheirat oder eine reine Vernunftsehe handelte. Allerdings galt Pierre Legardeur als Lebemann, gegen den mehrfach Vaterschaftsklagen lediger Mütter vorlagen. Während seiner zahlreichen Abwesenheiten aufgrund seiner militärischen Pflichten übernahm Agathe de Saint-Père seine Geschäfte. Sie lieh anderen Siedlern Geld, tauschte Ländereien ein und verkaufte Lizenzen für den Pelzhandel. Dennoch kümmerte sich de Saint-Père nach wie vor um Angelegenheiten ihrer Halbgeschwister. So verhinderte sie gerichtlich eine unstandesgemäße Eheschließung ihres Halbbruders Nicolas und wurde von ihm, als er nach diesem Skandal auswanderte, zu seiner gesetzlichen Vertreterin ernannt.
Zu dieser Zeit war es den Siedlern nicht gestattet, eigene Textilfabriken zu eröffnen, um Frankreichs Monopol zu wahren. Damit waren die Kolonien abhängig von Stofflieferungen aus Frankreich, die sich jährlich auf kaum 10 Schiffsladungen beliefen und obendrein teuer waren. Agathe de Saint-Père begann daraufhin mit lokalen Pflanzen- und Fellfasern zu experimentieren, um Stoffe herzustellen. Materialien, die sie verwendete, waren u. a. Brennnesseln, Baumrinde und Froelichia floridana. Um Wolle zu gewinnen, nutzte sie Bisonfell. In Montreal gab es zu diesem Zeitpunkt lediglich einen einzigen Webstuhl und es fehlte an Webern. De Saint-Père ließ einen weiteren Webstuhl nachbauen und in ihrem Anwesen eine Werkstatt einrichten. Zeitgenossen zufolge ging sie bereits im Jahr 1700 in die Produktion.
Als im Jahr 1704 das Versorgungsschiff La Seine durch englische Freibeuter versenkt wurde, war in den Kolonien nicht mehr genug Hanf- und Flachsfaser vorhanden, um die Siedler mit Kleidung und Hanfprodukten wie Seilen zu versorgen. De Saint-Père, ermutigt durch ihre Experimente, beschloss daraufhin, in die Massenproduktion zu gehen. Im Verlauf des Queen Anne’s War hatten die Franzosen gemeinsam mit ihren Verbündeten der First Nations die englische Kolonie Deerfield überfallen, 56 ihrer Bewohner getötet und den Rest verschleppt. Unter diesen Kriegsgefangenen befanden sich Weber. De Saint-Père löste neun von ihnen bei den Abenaki auf eigene Kosten aus, allerdings scheint sie nicht ausschließlich aus Geschäftssinn gehandelt zu haben. Zusammen mit den Webern kaufte sie auch Warham Williams frei, den vierjährigen Sohn des englischen Pastors John Williams. Der Junge lebte in ihrem eigenen Haushalt und wurde bis zur Rückkehr zu seiner Familie für ihren Sohn Jean-Baptiste René ein Ziehbruder. John Williams schrieb später:
Die Weber brachte Agathe in ihrer Werkstatt unter und stellte ihnen neufranzösische Lehrlinge zur Seite. Da Gefangene keinen klar definierten, rechtlichen Status in Neufrankreich hatten, geht man davon aus, dass die Weber für ihre Arbeit nicht bezahlt wurden. Nur ein Jahr später, 1705, eröffnete de Saint-Père die erste Textilfabrik Neufrankreichs. In einem Brief schrieb sie:
Zunächst stellte de Saint-Pères Fabrik hauptsächlich Seile aus der Innenrinde der Linde sowie grobe, haltbare Stoffe und Segeltuch aus Brennnesseln her. Das Endprodunkt erwies sich als so widerstandsfähig, dass sie Frankreich die Belieferung mit Brennnesselfasern anbot. Für die Siedler war es eine überlebenswichtige, preisgünstige Ressource für warme Unterkleidung im Winter und laut Aussagen ihrer Zeitgenossen wären ohne de Saint-Pères Fabrik die Hälfte der ärmeren Bevölkerung ohne Kleidung gewesen. Zudem stellte de Saint-Père in großem Umfang warme Decken her. Da sie ihre Kenntnisse verbreitete, konnte sich die Kolonie trotz der Knappheit selbst versorgen und produzierte täglich 120 Ellen Stoff.
Als die Stadt Boston die Weber wieder auslöste, beherrschten genug Montrealer das Handwerk, um die Fabrik weiter zu betreiben. Mit ausdrücklicher Unterstützung der Obrigkeit sandte de Saint-Père Proben ihrer Erzeugnisse nach Frankreich. König Ludwig XIV. war so beeindruckt, dass er ihr eine jährliche Rente von 200 Pfund zubilligte. Historiker vermuten, dass er das Verbot der Textilproduktion in den Kolonien aufhob, da de Saint-Pères Produkte keine Konkurrenz für Frankreich darstellten. Ihre preiswerten, groben Stoffe verkauften sich vor allem unter den ärmeren Leuten. Die reichen Siedler hingegen bezogen nach wie vor die kostbaren Stoffe aus Frankreich.