Adrian Willaert (mit diversen Alternativschreibweisen, * um 1490 in Roeselare (französisch: Roulers); † 7. Dezember 1562 in Venedig) war ein franko-flämischer Komponist und Kapellmeister der Renaissance.
Nachdem Ort und Jahr der Geburt von Adrian Willaert nirgends dokumentiert worden sind, haben genealogische Untersuchungen in neuerer Zeit (Aerbeydt 1978) die Umgebung der westflandrischen Stadt Roeselare, etwa 40 Kilometer südlich von Brügge, als den wahrscheinlichsten Geburtsort des Komponisten nahegelegt, was schon Willaerts Zeitgenosse Jacobus de Meyers 1531 angegeben hatte. Dagegen wird der mögliche Geburtsort Brügge selbst, von Franciscus Sweertius (Antwerpen 1628) genannt und von vielen Musikhistorikern des 19. Jahrhunderts übernommen, heute als ziemlich unwahrscheinlich angesehen. Das Geburtsjahr wird heute allgemein um 1490 angenommen; über Willaerts Herkunftsfamilie und Jugendzeit ist nichts überliefert. Sein Schüler Gioseffo Zarlino berichtet 1571 rückblickend von einem mehrjährigen Aufenthalt des Meisters etwa 1510 bis 1515 in Paris, wo Willaert zunächst Rechtswissenschaft studierte, dies dann zugunsten der Musik aufgab und Schüler bei Jean Mouton, einem Mitglied der königlichen Kapelle Ludwigs XII., wurde. Wenn auch diese Aussage nur von Zarlino stammt, so sind es doch stilistische Ähnlichkeiten, die Wahl der Vorlagen für Willaerts Parodiemessen sowie gemeinsame Handschriften und Drucke, die auf einen nahen Bezug Willaerts zu Mouton und zu seinem Umfeld hindeuten.
Der Mailänder Kardinal Ippolito I. d’Este, ein Bruder Alfonsos I. d’Este (des Herzogs von Ferrara), der seit 1496 auch Bischof von Erlau in Ungarn war und sich 1515 in Rom aufhielt, berief Willaert („Adriano cantore“) am 8. Juli 1515 als Kapellmeister in seinen Dienst; er reiste mit ihm und seinem weiteren Gefolge im Oktober 1517 nach Ungarn und kehrte im August 1519 nach Ferrara zurück. In diese Zeit fällt die von Zarlino berichtete Anekdote, dass Willaerts sechsstimmige Motette „Verbum bonum et suave“ von den Sängern der päpstlichen Kapelle als vermeintliche Komposition von Josquin Desprez zunächst hoch geschätzt wurde, dann aber abgelehnt wurde, nachdem sich Willaert als der tatsächliche Verfasser herausgestellt hatte. Ippolito I. starb unerwartet im September 1520, woraufhin Willaert von dessen Bruder Alfonso in seine Kapelle aufgenommen wurde. Alfonsos Sohn Ippolito II. d’Este (1509–1572), der schon als Zehnjähriger zum Erzbischof von Mailand ernannt worden war, aber in Ferrara residierte, übernahm Willaert 1525 in seinen Dienst. Mit der Familie d’Este, die für ihr Mäzenatentum bekannt war, blieb der Komponist zeitlebens eng verbunden.
Im Jahr 1527 wurde Adrian Willaert die Stellung eines Kapellmeisters der Basilica di San Marco in Venedig angeboten. Diesen Posten zu bekommen, war schon zu dieser Zeit eine hohe Auszeichnung. Der Komponist trat am 12. Dezember dieses Jahres das Amt an und behielt es 35 Jahre lang bis zu seinem Tode; erst durch sein Wirken bekam diese Stelle ihre in ganz Europa herausragende Bedeutung. Willaert war der Nachfolger des Petrus de Fossis († vor dem 7. Juli 1526) und bekam anfangs dessen Gehalt von 70 Dukaten. Danach folgten stufenweise Erhöhungen bis 200 Dukaten, die er im Jahr 1556 erreichte. Eine Ehefrau mit Namen Susanna ist in den verschiedenen hinterlassenen Testamenten ebenso erwähnt wie seine Schwester, deren Ehemann und beider Sohn Alvise. Massimo Troiano berichtete in seinen Dialoghi über die Fürstenhochzeit in München 1568 von einem fünfstimmigen Werk einer Komponistin Caterina Willaert, das zum Festbankett vorgetragen wurde. Troianos Angabe, dass diese eine Tochter von Adrian Willaert gewesen sei, scheint jedoch auf einem Irrtum zu beruhen, da von Willaert keine Nachkommen bekannt sind. Wahrscheinlicher dürfte es sich bei ihr um eine Nichte oder Schwester gehandelt haben.
Vorrangige Aufgabe des Komponisten war die Leitung des Domchors, der zunächst aus 20 Männerstimmen bestand und später etwas größer wurde. Er unterrichtete auch die Knabenstimmen, eine Aufgabe, derer er 1542 entbunden wurde, nachdem hierfür ein Gesangslehrer eingestellt worden war. Die Neuaufnahme von Sängern wie auch der beiden Domorganisten erfolgte durch eine Prüfung mit der Beurteilung durch den Kapellmeister, den Vorgesetzten der Kapelle und langjährige Kapellsänger.
In den Jahren 1542 und 1556 unternahm der Komponist Reisen in seine flandrische Heimat wegen familiärer Angelegenheiten; diese waren vielleicht auch durch Probleme infolge der französischen Invasionen in den Niederlanden verursacht. Kurz nach der ersten Reise erschienen bei dem Verleger Tielman Susato Drucke von Chansons Willaerts (1544). Von der zweiten Reise wurde er im November 1556 zurück erwartet; während seiner Abwesenheit wurde er von dem erfahrenen Kapellmitglied Marco Antonio Cavazzoni vertreten. Diesen Urlaub hat Willaert anscheinend beträchtlich überzogen. In den letzten Jahren in Venedig war Adrian Willaert von Krankheit gezeichnet; sein letztes Testament vom 12. November 1562 diktierte er als Bettlägeriger. Gut drei Wochen später verstarb der Komponist. Schon während seiner Krankheit wurden die Aufgaben des Kapellmeisters von Francesco Violante wahrgenommen, der seit 1542 als Gesangslehrer an San Marco wirkte; dieser führte die Vertretung weiter bis zum Amtsantritt des Cipriano de Rore im Jahre 1563.
Das musikalische Schaffen von Adrian Willaert umfasst beinahe alle Gattungen, die während der Renaissance gepflegt wurden. Sein Gesamtwerk besteht zum großen Teil aus geistlicher Musik, beinhaltet aber auch bedeutende weltliche Kompositionen; zu seinen Pionierleistungen gehören ab 1540 Beiträge zur noch jungen Gattung des polyphonen Ricercare und der erste Druck einer Komplet (1555). Von ihm sind zehn Messen überliefert, die auf eine relativ frühe Zeit des Komponisten zurückgehen, davon acht mit Sicherheit authentische, und fast alle vom Typ der Parodiemesse. Fünf der dazu gehörigen Vorlagen verweisen auf seine frühe Zeit: drei basieren auf Motetten von Jean Mouton und je eine auf Motetten von Jean Richafort und Mathieu Gascogne. Die wohl früheste Messkomposition (entstanden vor 1520) ist die sechsstimmige Messe „Mente tota“, die mit komplizierten Kanons gearbeitet ist und auf der Vorlage der Quinta pars der Motette „Vultum tuum“ von Josquin Desprez beruht. Seine wohl letzte Messkomposition ist die in seinen letzten Lebensjahren seinem Gönner Alfons II. d’Este gewidmete „Mittit ad virginem“; sie enthält einen in das Agnus Dei eingeflochtenen Huldigungskanon und zeigt Züge seiner späteren Schreibweise mit ihrer Neigung zu Variation und Detailarbeit, wie sie auch in seinen späteren Motetten zur Geltung kommt.
Eine herausgehobene Bedeutung in Willaerts Schaffen besitzen seine über 150 Motetten, die alle Stadien seiner kompositorischen Entwicklung begleiteten und, außer der handschriftlichen Überlieferung, in einer Reihe von Sammlungen (Individualdrucken) veröffentlicht wurden. Auffallend ist hier insbesondere die stilistische Vielfalt. Die Sammlung „Musica Nova“ aus dem Jahr 1559 verdient eine besondere Beachtung; sie enthält 27 Motetten, von denen 4 Kompositionen vierstimmig sind, 6 fünfstimmig, 12 sechsstimmig und 5 siebenstimmig. Ihre Texte gehen auf Sequenzen und Bibelzitate zurück. Typisch für die Musica Nova ist ihre prinzipiell syllabische Deklamation, welche Wort- und Taktbetonung koordiniert und Melismatik vermeidet; letztere erscheint dann in entsprechenden Ausnahmen zur Steigerung des Ausdrucks. Dies gilt insbesondere für die frei komponierten sechsstimmigen Motetten. Seine siebenstimmigen Motetten fallen durch ihre komplizierten Kanontechniken auf. In seinen früheren Motettensammlungen (1539 und 1545) werden teilweise Choralmelodien paraphrasiert, oder es wird der Schluss des ersten Teils am Ende des zweiten Teils wieder aufgegriffen (Reprisenmotette). Abwechslung nimmt einen hohen Rang ein; auf homophone Partien folgen Duos und vollstimmige Imitationen, und andere Stücke sind durchgehend imitiert oder auf eine Weise durchbrochen komponiert, die schwer zu verallgemeinern ist. „Bei der oft engen Folge von Zwischenschlüssen kommt eine Balance zwischen schließender und fortdrängender Wirkung zustande, die den paradoxen Eindruck eines gegliederten Fließens erzeugt“.