Adolf Bartels (* 15. November 1862 in Wesselburen; † 7. März 1945 in Weimar) war ein völkisch-antisemitischer deutscher Schriftsteller, Journalist, Literaturhistoriker und Kulturpolitiker. Er war ein Vertreter der Heimatkunstbewegung und propagierte schon früh antidemokratische und judenfeindliche Positionen, die nach 1933 prägend für die Kulturpolitik des Nationalsozialismus wurden.
Herkunft, Jugend und Ausbildung
Adolf Bartels kam in Wesselburen in Schleswig-Holstein zur Welt. Er war das älteste von neun Kindern eines Schlossermeisters. Von 1877 bis 1882 besuchte er gemeinsam mit dem späteren völkischen Schriftsteller Gustav Frenssen das Gymnasium in Meldorf, musste es aber kurz vor dem Abitur verlassen, da sein Vater das Schulgeld nicht mehr aufbringen konnte. Für einige Zeit lebte er bei seinem Onkel in Hamburg und erteilte Nachhilfestunden. Danach kehrte er in seinen Heimatort zurück und arbeitete für kurze Zeit als Hilfsschreiber am Königlichen Amtsgericht.
Nebenbei gab er weiter Nachhilfe, verfasste Gedichte, kurze Erzählungen und lokalhistorische Aufsätze, die sein väterlicher Freund Julius Groth, Herausgeber und Schriftleiter des Dithmarscher Boten, in seinem Lokalblatt veröffentlichte. Dies brachte Bartels auf die Idee, eine Reihe von Vorträgen über literarische und historische Themen zu halten, um sich mit den Einnahmen ein Universitätsstudium zu finanzieren.
Seit 1885 besuchte er trotz fehlender Hochschulreife die Universität Leipzig und studierte mehr aus Alibigründen Staatswissenschaften, während er hauptsächlich Vorlesungen über Literatur, Geschichte und Philosophie hörte. In Leipzig lernte er die Frühnaturalisten Hermann Conradi, Otto Erich Hartleben und Karl Henckell kennen, die er später satirisch in einem Abschnitt seines komischen Epos Der dumme Teufel (1896) darstellte. Wie sie beschloss er später, freier Schriftsteller zu werden. In dieser Periode entstanden kleinere Erzählungen aus seiner schleswig-holsteinischen Heimat (Peter Boie von Helse, Johann Fehring, Editha, Rolves Karsten) sowie unter naturalistischem Einfluss ein „Rebellenroman“ und ein bürgerliches Drama. Diese literarischen Versuche blieben jedoch Fragmente, die nie veröffentlicht wurden.
1888 brach Bartels nach zwei verbummelten Semestern an der Universität Berlin sein Studium ab. Er heiratete seine Leipziger Verlobte Ida Rehork (1868–1958). Auf Vermittlung der beiden Schriftsteller Hermann Allmers und Julius Grosse wurde Bartels 1889 Redakteur der Didaskalia, der Unterhaltungsbeilage des nationalliberalen Frankfurter Journals. Für sie schrieb er Theaterkritiken, Feuilleton-Beiträge und Rezensionen.
Die Geschäftsführung des Journals ernannte ihn 1890 zum Chefredakteur der Lahrer Zeitung in Baden. In Lahr, wo er bis 1892 blieb, schrieb er historische Dramen wie Die Päpstin Johanna und Catilina, für die er jedoch keinen Verleger fand. Zudem verfasste er seine erste literaturkritische Schrift: Friedrich Geßler. Sein Leben und seine Werke. Im örtlichen Literatenzirkel im Hotel Krauß lernte er Friedrich Geßler und den Dichter Ludwig Eichrodt kennen.
1892 wurde er wieder nach Frankfurt am Main versetzt und leitete bis 1895 die Didaskalia. In seinen Theaterbesprechungen warf er dem großbürgerlichen Frankfurter Theaterpublikum vor, kein Verständnis für die neue Literaturströmung, den Naturalismus, zu zeigen und stattdessen die seichte Kost der französischen Konversationsstücke zu bevorzugen. Zur gleichen Zeit schrieb er Kritiken für Friedrich Langes Tägliche Rundschau und andere Blätter.
Bartels, der als Student und Redakteur ein Gegner des schleichend um sich greifenden Antisemitismus gewesen war, lernte in Frankfurt auch Schriftsteller jüdischer Herkunft kennen. Anfangs begegnete er ihnen unbefangen, glaubte dann aber zunehmend, eine „jüdische Solidarität im Guten wie im Schlechten“ wahrzunehmen. Seine Einstellung zu den Juden wurde mit der Zeit offen feindselig.
Schriftsteller und antisemitischer Literaturhistoriker
Nachdem das Frankfurter Journal erneut in finanzielle Schwierigkeiten geraten war, realisierte Bartels 1896 seinen Wunschtraum und wurde freier Schriftsteller. Dabei unterstützte ihn sein väterlicher Freund Julius Grosse, Sekretär der Deutschen Schillerstiftung. Er siedelte nach Weimar über und legte seinen ersten Roman und sein belletristisches Hauptwerk vor: Die Dithmarscher. Daneben entstanden literaturkritische Beiträge für renommierte Zeitschriften wie Die Grenzboten, Der Kunstwart etc. Noch vor Paul Schlenther verfasste er 1897 die erste selbstständige Publikation über den Naturalisten Gerhart Hauptmann.
Eine Artikelserie aus den Grenzboten erschien in Buchform: Die deutsche Dichtung der Gegenwart. Die Alten und die Jungen, zwischen 1897 und 1922 mehrmals aufgelegt, wurde im Laufe der Zeit auf mehr als den dreifachen Umfang erweitert und galt seinerzeit als Standardwerk. Kurt Tucholsky – laut Bartels „ein echter jüdischer Frechling“ – nannte das Buch dagegen 1922 in einem für die Weltbühne verfassten Artikel einen „frechen Betrug am Bücherkäufer“ und einen „durch läppische Bemerkungen unterbrochene[n] Bücherkatalog“. Über den Autor, dessen „Judenriecherei“ er als grotesk empfand und den er u. a. als „Karikatur des Deutschtums“, einen „im Irrgarten der deutschen Literatur herumtaumelnden Pogromdepp“ und „Hakenkreuzpolichinell“ bezeichnete, urteilte Tucholsky ebenso vernichtend:
Dennoch begründete das Buch in völkischen Kreisen den Ruf seines Autors als ernstzunehmender Literaturhistoriker, während er bis dahin eher als Literaturkritiker gegolten hatte.
1898 führte Bartels den Terminus „Heimatkunst“ in die deutsche Literaturgeschichte ein. Zusammen mit Friedrich Lienhard war er in den nächsten Jahren ein eifriger Verfechter dieser antimodernistischen literarischen Gattung, die zum Vorläufer der nationalsozialistischen Blut-und-Boden-Literatur wurde, und trug zur Theoriebildung ihrer norddeutschen Variante, der Niederdeutschen Bewegung bei.
In dieser Tradition steht auch Bartels’ 1899 erschienener zweiter historischer Roman, Dietrich Sebrandt, der die Ereignisse rund um die Märzrevolution in Schleswig-Holstein und Berlin behandelt. Um die Jahrhundertwende verschlechterte ein Lungenleiden Bartels’ Gesundheitszustand rapide. Er wurde mehrfach operiert und musste häufig umziehen. Da er zu sterben glaubte, gab er zwischen 1904 und 1905 seine gesammelten Dichtungen – Gedichte und Dramen – heraus. Doch allmählich verbesserte sich seine physische Konstitution wieder.
Zur gleichen Zeit entstand sein Standardwerk, die Geschichte der deutschen Literatur, in das seine nunmehr offen antisemitische Haltung einfloss. Er verfolgte das Ziel, zum einen die „Erkenntnis des völkischen Schatzes“ zu befördern und zum anderen dessen angebliche Verderber zu identifizieren. So hatte Bartels wesentlichen Anteil daran, dass der Antisemitismus in Deutschland zum festen Bestandteil einer „nationalen Gesinnung“ wurde.
Zwei Tendenzen verstärkten sich in Bartels’ Werk zunehmend: Seine Ablehnung des „jüdischen Literatentums“, die eine „reinliche Scheidung zwischen Deutschen und Juden“ einschloss, und die Bekämpfung der „Dekadenz-Literatur“. Gleichzeitig wies er auf junge, „gesunde Talente“ hin. An die 9000 Autoren schied er „reinlich“ in Juden und Nichtjuden. In etlichen Fällen, in denen er nichts über die tatsächliche Herkunft eines Autors wusste, glaubte er, aus Stil und Inhalt ihrer Werke auf ihre Religion und „Rasse“ schließen zu können. So ordnete er auch den Protestanten Thomas Mann als jüdischen Literaten ein. Dieser widersprach in seinem frühen Essay Die Lösung der Judenfrage der „bestechenden“ These des „großen germanischen Lyrikers und Literaturhistorikers“.
Wie bei Mann stieß Bartels auch bei anderen Autoren, Juden wie Nicht-Juden, auf spöttische Ironie, ein nüchternes Qualitätsurteil und die Ablehnung der Rassenideologie als Maßstab künstlerischer Leistung.