Adnan Menderes (* 1899 in Aydın; † 17. September 1961 auf der Gefängnisinsel İmralı) war der erste aus freien Wahlen hervorgegangene Ministerpräsident der Türkei. Er regierte von 1950 an und wurde am 27. Mai 1960 durch das Militär gestürzt. Nach den Yassıada-Prozessen wurde er hingerichtet.
Adnan Menderes war der Sohn des Gutsbesitzers İbrahim Ethem aus Güzelhisar in der Provinz Aydın. In seiner Jugend spielte Menderes in den Fußballvereinen Karşıyaka SK und Altay Izmir. Er war Gymnasiast am American Collegiate Institute in Izmir.
Am 12. August 1930 trat er in die von Fethi Okyar gegründete Serbest Cumhuriyet Fırkası („Freie Republikanische Partei“, SCF) ein. Menderes organisierte die SCF in Aydın und wurde zum Provinzchef der SCF. Die Aufgabe der SCF sollte es sein, oppositionelle Stimmen zum bestehenden De-facto-Einparteiensystem aufzunehmen und in das System einzubinden. Nach einigen Monaten nahm man von diesem Versuch Abstand und löste die SCF auf. Danach trat er der Cumhuriyet Halk Partisi (Republikanische Volkspartei, CHP) bei und wurde Provinzchef in Aydın für die Partei.
Während der 4. Legislaturperiode (4. Mai 1931 – 23. Dezember 1934) der Großen Nationalversammlung der Türkei war er Abgeordneter der Provinz Aydın für die CHP. Sein Rechtsstudium absolvierte er in seiner Abgeordnetenzeit an der Fakultät für Rechtswissenschaften in Ankara und beendete es 1935. Während der 5. (1. März 1935 bis 27. Dezember 1938), 6. (3. April 1939 bis 15. Dezember 1943) und 7. Legislaturperiode (8. März 1944 bis 25. Dezember 1945) war er ebenfalls Abgeordneter der Provinz Aydın für die CHP. Am 25. Dezember 1945 wurde Adnan Menderes aus der CHP ausgeschlossen.
Am 7. Dezember 1945 gründete er mit Celâl Bayar, Refik Koraltan und Mehmet Fuat Köprülü die Demokratische Partei (DP), deren Vorsitzender er 1950 wurde. Die DP spielte eine wichtige Rolle beim Übergang vom Einparteiensystem – mit der Republikanischen Volkspartei als einziger Partei – zum Mehrparteiensystem. Bei der Parlamentswahl im Juli 1946 errang die DP lediglich 64 der 465 Sitze, wohl auch deshalb, weil die regierende Republikanische Volkspartei unter Ismet Inönü die Wahlen um ein Jahr vorgezogen hatte, um der DP wenig Zeit zum Aufbau zu geben. Während der 8. Legislaturperiode (5. August 1946 – 24. März 1950) war Menderes Abgeordneter der Provinz Kütahya für die DP.
Bei der Parlamentswahl am 14. Mai 1950, der ersten freien und unverfälschten Parlamentswahl, erhielt die DP 52,68 Prozent der Wählerstimmen und 408 der 487 Sitze; Menderes wurde zum Abgeordneten der Provinz Istanbul gewählt. Am 22. Mai 1950 bildete er als Ministerpräsident die erste Regierung Menderes; Mehmet Fuat Köprülü wurde Außenminister. Celâl Bayar wurde am selben Tag zum Staatspräsidenten gewählt.
Am 29. Mai 1950 stellte die neue Regierung ihr Programm vor, mit dem den Arbeitern das Streikrecht, den Journalisten ein freiheitliches Pressegesetz, den Steuerzahlern eine Senkung der Staatsausgaben und den Unternehmern die Überführung der staatseigenen Industrien in Privatbesitz versprochen wurde.
Nachdem der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen seine Mitgliedstaaten aufgerufen hatte, dem vom kommunistischen Nordkorea angegriffenen Südkorea zu Hilfe zu kommen, entschied die türkische Regierung, sofort Truppen zu entsenden. Menderes schuf mit dem Eintritt in den Koreakrieg eine politische Ausnahmesituation, da die moderne Türkei militärische Interventionen außerhalb des eigenen Landes bisher vermieden hatte. Der Außeneinsatz der Armee widersprach auch der türkischen Verfassung, da Menderes nicht die Zustimmung der Nationalversammlung eingeholt hatte. Die Opposition verurteilte das Vorgehen der neuen Regierung als Verfassungsbruch, während die türkische Öffentlichkeit positiv überrascht war. Nachdem Köprülü am 25. Juli 1950 in einem Telegramm an UN-Generalsekretär Trygve Lie erklärt hatte, 4.500 Mann nach Korea entsenden zu wollen, entlud sich der Stolz vieler Türken in großer Begeisterung darüber, als erste Nation nach den Vereinigten Staaten dem Aufruf der UNO gefolgt zu sein. Der Schritt zur Teilnahme an dieser vom Sicherheitsrat beschlossenen UN-Mission war ein radikaler neuer Weg der Türkei. Das Ausland bewertete diesen als Zeichen für eine mutige, aktive und dynamische Außenpolitik der Regierung Menderes. Die damalige Kriegsteilnahme war noch einige Jahrzehnte in der türkischen Innen- und Außenpolitik spürbar; die von Staatsgründer Kemal Atatürk verfolgte klare Neutralitätspolitik wurde verlassen. Die Sowjetunion kritisierte die Kriegsteilnahme der Türkei. Aus Furcht vor einem sowjetischen Angriff akzeptierte die Regierung nun umfangreiche militärische Hilfe aus den USA.
Als Beweggrund für den Koreaeinsatz äußerte Menderes 1951 gegenüber der türkischen Zeitung Vatan, die Türkei werde in den internationalen Beziehungen jetzt als Großmacht angesehen.
Eindämmung des sowjetischen Expansionsdrangs
Ein weiteres wichtiges Ziel von Menderes’ Außenpolitik war die Eindämmung des sowjetischen Expansionswillens im Nahen und Mittleren Osten. Zusammen mit Griechenland und dem Iran bildete die Türkei damals das südliche Bollwerk gegen die Moskauer Politik. Der Orient hatte in der Vergangenheit lange im Machtbereich der Türkei gelegen. Hier war nun die Sowjetunion der Hauptrivale; sie gewährte seit längerem dem Mittleren Osten Hilfen aller Art. Die Regierung Menderes musste nun einen Weg finden, die „Rote Gefahr“, wie man die Sowjetunion in der Türkei damals nannte, in dieser Region ein- und zurückzudämmen, damit die Türkei letztendlich nicht eingekesselt werden konnte. Als erschwerend galten der alte Hass vieler arabischer Länder auf das ehemalige türkische Sultanat sowie die 1949 erfolgte Anerkennung des Staates Israel durch die vorherige Regierung Şemsettin Günaltay. Menderes sah diese Anerkennung als „außenpolitische Last“. Der Orientpolitik von Menderes war weniger Erfolg beschert. Eines seiner Ziele, arabische Länder in die NATO einzubinden bzw. eine Stabilitätsdiplomatie aufzubauen, scheiterte. Vielfach war es die Zwietracht der arabischen Länder untereinander, welche umfassende Lösungen unmöglich machte. Auch Ägypten erwies sich als Stolperstein.
Am 9. März 1951 wurde die zweite Regierung Menderes gebildet. Der bisherige Präsident Ismet Inönü wurde Oppositionsführer. Inönü lehnte das Angebot einiger Generale ab, die DP aufzulösen, um ihm die Rückkehr an die Macht zu ermöglichen. Auch in der 10. Legislaturperiode (14. Mai 1954 – 12. September 1957) wurde Menderes in Istanbul gewählt.
Menderes regierte die Türkei zehn Jahre lang. In dieser Zeit erlebte das Land anfangs einen raschen ökonomischen Aufschwung, der auf dem neuen Wirtschaftsliberalismus und starker ausländischer Unterstützung, insbesondere aus den USA, basierte. Seine Regierung modernisierte vor allem die Landwirtschafts-, Verkehrs-, Gesundheits-, Banken-, Energie-, Bildungs- und Versicherungssysteme. Die Türkei trat unter Menderes 1952 der NATO bei. Die damalige türkische Regierung war von der Wichtigkeit umfassender Beziehungen zu den USA überzeugt und bereit, dafür auch große Verpflichtungen einzugehen.
Am 17. Mai 1954 bildete er die dritte Regierung Menderes. In der 11. Legislaturperiode wurde Menderes zum letzten Mal ins Parlament gewählt. Am 24. Februar 1955 unterzeichneten die Türkei und der Irak ein Abkommen, dem wenig später Großbritannien, Pakistan und der Iran beitraten. Das Abkommen wurde zunächst als Baghdad-Pakt bezeichnet, aus dem sich dann 1959 unterstützt durch die USA die Central Treaty Organization entwickelte.
Menderes forderte eine Rückbesinnung auf die islamische Tradition des Landes und hatte großen Rückhalt bei den Bewohnern der ländlichen Gebieten Anatoliens, denen die Reformen des Kemalismus zu weit gegangen waren. Dies alarmierte die Hüter des kemalistisch-laizistischen Erbes, die er als „besessene Reformisten“ bezeichnete.
Die Verordnung des Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk aus dem Jahre 1932, den islamischen Gebetsruf statt auf Arabisch in türkischer Sprache auszuführen, hob er auf.