Al-Mahdi billah (arabisch المهدي بالله, DMG al-Mahdī billāh ‚der von Gott Rechtgeleitete‘; * 31. Juli 874 in ʿAskar Mukram; † 4. März 934 in Mahdia) war der erste Kalif aus der Dynastie der Fatimiden und gemäß deren Historiografie der elfte Imam der schiitischen Ismailiten. Durch das mit seiner Person verbundene Hervortreten dieses Imamats aus der Verborgenheit (ġaiba), wurde eine breite schiitische Aufstandsbewegung innerhalb des Islamischen Reichs gegen die herrschende Kalifendynastie der sunnitischen Abbasiden angestoßen, die 909 zur Etablierung des Gegenkalifats der Fatimiden führte, welches bis 1171 in Konkurrenz zu dem der Abbasiden die Alleinherrschaft beanspruchte.
Der persönliche Eigenname (ism) des Mahdi war Said (Saʿīd). So nennen ihn die ältesten bekannten Überlieferungen der Ismailiten, darunter auch die seines Milchbruders Dschafar. In seinem Brief an die jemenitische Gemeinde aus dem Jahr 911 bestätigte der Mahdi, dass er Said ibn Husain (Saʿīd b. al-Ḥusain) genannt wurde, behauptete dazu allerdings, dass dieser Name nur ein von ihm in der Zeit seines Untergrunds verwendeter Deckname gewesen sei. Sein wirklicher Name aber sei Ali ibn Husain (ʿAlī b. al-Ḥusain). Doch anlässlich seiner 910 erfolgten Proklamation zum Kalif ließ er aus programmatischen Gründen den Namen Abdallah mit der Ehrbezeichnung (kunya), „Vater des Muhammad“ (Abū Muḥammad ʿAbd Allāh), in der Gebetsformel verkünden, der seither als sein offizieller Eigenname galt. Damit hatte er vor allem eine Manipulation der Namensgebung seines Sohnes und designierten Nachfolgers al-Qa’im beabsichtigt, die somit vollständig Abu l-Qasim Muhammad ibn Abdallah lautete, genauso wie jene des Propheten.
Schon die frühste zeitgenössische ismailitische Historiografie hatte von der Abstammung ihres rechtgeleiteten Vorstehers (al-imām al-mahdī) eine recht klare genealogische Vorstellung. Seine unmittelbaren Vorfahren bis zu seinem Urgroßvater Abdallah „dem Älteren“ (al-Akbar), die als Garanten (ḥuǧǧa) für das verborgene Imamat an der Spitze der Missionsführung standen, waren demnach selbst die Imame ihrer Gemeinschaft (šīʿa), die als Ausdruck ihrer Verborgenheit ihre wahre Identität aus Gründen der Vorsicht (taqīya) vor der Verfolgung der herrschenden Abbasiden geheim halten mussten. Vor allem aber knüpfte ihre Genealogie an die Person des siebten Imams Muhammad ibn Ismail an, der gemäß ihrer bis 899 propagierten Lehre als ihre eigentliche Heil bringende Mahdi-Figur anerkannt war, weshalb seine Anhängerschaft auch als „Siebener-Schia“ bezeichnet wurde. Die Vorstellung, dass dieser siebte Imam aus der Verborgenheit ins irdische Sein zurückkehren werde, war von seinen Anhängern inzwischen fallengelassen worden. Stattdessen sei seine gottgegebene Segenskraft (baraka) auf seine Nachkommen übergegangen, aus deren Reihen der zu erwartende Mahdi schließlich hervorgehen werde. Der achte Imam Abdallah al-Akbar gilt darin als leiblicher Sohn des siebten Imams.
Die lange vorherrschende Geschichtsschreibung der Sunna hatte dagegen ihr eigenes Meinungsbild über die Fatimiden etabliert, in der deren Genealogie als betrügerische Fiktion galt. In diesem Standpunkt galt und gilt die Zugehörigkeit des Mahdis und die seiner Nachkommen zum Prophetenhaus als nicht erwiesen und die Legitimität des Fatimiden-Kalifats damit als nicht gerechtfertigt. Die Propaganda des Mahdis selbst hatte deren Argumentation zusätzlich mit Nahrung befeuert. In seinem erwähnten Brief an seine jemenitischen Anhänger hatte er nicht nur seine Namensgebung erklärt, sondern dazu auch seinen familiären Hintergrund zu erläutern versucht. Und seine Erklärung stand dabei in einem eklatanten Widerspruch zur allgemeinen Anschauung seiner Schia. Nach seinen Worten seien er und seine unmittelbaren Vorfahren keine Nachkommen des siebten Imams, sondern würden von Abdallah al-Aftah (gest. 765) abstammen, einem anderen Sohn des fünften Imams Dschafar as-Sadiq (gest. 765). Damit hatte er sich in eine alternative Abstammungslinie zu jener des Ismail ibn Dschafar (gest. um 760) gestellt, auf die sich seine Schia seit den Tagen seines Urgroßvaters berief. Gepaart mit einer schwer nachzuvollziehenden Beschreibung von Decknamen und Scheinidentitäten seiner Vorfahren, hatte der Mahdi die Verwirrung unter seiner Anhängerschaft noch zusätzlich gesteigert. Offenbar hatte er dies noch selbst erkannt und deshalb auf eine offizielle Erklärung bezüglich seiner Abstammung verzichtet. Erst unter seinem Ururenkel, Imam-Kalif al-Aziz (gest. 996), hatte sich die ismailitische Schia in der von ihm autorisierten Vorgeschichte seines Kalifats „Das Buch von der Verschleierung des Imams und der Aussendung der Missionare nach allen Inseln zur Suche nach ihm“ (Istitār al-imām watafarruq ad-duʿāt fī l-ǧazāʿir li-ṭalabihī) des al-Naisaburi die Erklärung des Mahdis verwerfend auf die Genealogie ihrer Imame verständigt, die auch weitgehend den Ansichten der zeitgenössischen Anhängerschaft entsprach und seither als kanonisch gilt (siehe Stammtafel der schiitischen Imame).
Das Jonglieren mit verschiedenen Erklärungsmodellen aber hatte die Vertreter der Sunna angefangen in der Vitensammlung „Garten der Seelen“ (Riyāḍ an-nufūs) des Abu Bakr al-Maliki (11. Jahrhundert) in ihrem vernichtenden Urteil nur bestätigt, der nach die Fatimiden nicht nur Betrüger, sondern auch Anführer von Ketzern waren. Vor dem Hintergrund der sich verhärtenden dogmatischen Fronten zwischen Sunna und Schia wurden sie zu „Gottesfeinden“ und „Befehlshaber der Heiden“ (amīr al-mušrikīn) deklariert. Die Namensgebung des Mahdis aufgreifend wurde er von sunnitischen Autoren ausschließlich im herabsetzenden Diminutiv „Dienerchen Allahs“ (ʿUbaid Allāh) genannt und seine Dynastie als „Ubaiditen“ (banū ʿUbaid) bezeichnet. Die Zweifel an einer echten fatimidischen Abstammung des Mahdis sind bis heute nicht verstummt, gelten in der ismailitischen Geschichtsschreibung aber als unumstößliche Tatsache.
Der Mahdi wurde mit dem Namen Said am 31. Juli 874 (12. Šawwāl 260 AH) in Askar Mukram im südpersischen Chusistan als Sohn des Hussein geboren. Über seine namentlich nie genannte Mutter liegen nur wenige verlässlichen Angaben vor; sie lebte noch im Jahr 910. Neben zwei Schwestern hatte er einen ebenfalls namentlich nicht genannten (Halb-)Bruder, der allerdings im persischen Taleghan aufgewachsen war, im Aufstand des Jahres 902 eine Rolle spielte und 903 in Salamiyya an einer Krankheit verstarb. Obwohl der Vater als zehnter anerkannter Imam gilt, scheint er in der damals im Untergrund tätigen Führung der ismailitischen Schia keine herausragende Rolle gespielt zu haben, wohl auch weil er im Jahr 882 früh verstorben ist. Die tatsächliche Führung hatte der Onkel Abu Ali Muhammad inne, der vor allem unter dem ungewöhnlichen Decknamen „Abu sch-Schalaghlagh“ bekannt ist. Nach dem Tod des Vaters wurde der Mahdi zu seinem Onkel in das syrische Salamiyya gebracht, wo die Führung der ismailitischen Mission (daʿwa) seit den Tagen ihres Begründers Abdallah al-Akbar ihre Operationsbasis hatte. Die Mission vertrat damals noch die offizielle Lehre von der baldigen Wiederkehr des siebten Imams Muhammad ibn Ismail aus der Verborgenheit und die Familie der Missionsführung begriff sich als Garanten (ḥuǧǧa) für dieses Heilsversprechen. Denn mit der Wiederkehr des siebten Imams als dem Rechtgeleiteten (al-Mahdī) war nach anerkannter Auffassung der Sturz der verhassten Usurpatoren der Abbasiden zugunsten der Nachkommen des Ali (gest. 661), die Wiederherstellung des Glaubens zu Gott vor dem Sündenfall und damit die Abrogation der göttlichen Offenbarung und des aus ihr abgeleiteten Gesetzes (šarīʿa) verbunden. Im späten 9. Jahrhundert scheint die Missionsführung allerdings zu der Erkenntnis gelangt zu sein, dass eine leibhaftige Wiederkehr des siebten Imams wohl ausbleiben werde. Die Erwartungshaltung ihrer Anhänger aber, die in allen Provinzen des islamischen Reichs nach fünfzig Jahren der Vorbereitung im Untergrund zum Aufstand entschlossen waren, hatte die Führung in Salamiyya zu einer Lösung dieser Frage veranlasst gesehen. Nach den frühsten Überlieferungen aus deren näherem Umkreis, die in einem Kompendium mit dem Titel „Die Enthüllung“ (al-Kašf) zusammengefasst wurden, soll Abu asch-Schalaghlagh selbst den Gedanken erwogen haben, als der zu erwartende Mahdi hervorzutreten und damit den Startschuss zum Aufstand zu geben, doch waren sein Sohn und Enkel schon verhaftet und nach Bagdad deportiert worden, weshalb die Etablierung einer von ihm ausgehenden Imamlinie unmöglich gemacht wurde. So habe er seinen Neffen zu sich geholt, ihn an Sohnes statt angenommen und mit seiner Tochter verheiratet. Zum Anlass dieser Adoption dürfte der Neffe auch den Namen Ali angenommen haben, hatte doch die Ehrbezeichnung des Onkels, Adoptiv- und Schwiegervaters „Vater des Ali“ gelautet.