Éric Rohmer [e'ʁik ʁo'mɛ(:)ʁ] (Pseudonym), eigentlich Jean-Marie Maurice Schérer oder Maurice Henri Joseph Schérer, weitere Pseudonyme Gilbert Cordier und Dirk Peters, (* 21. März 1920 in Tulle, Département Corrèze; † 11. Januar 2010 in Paris) war ein französischer Film- und Theaterregisseur, Essayist, Autor, Filmkritiker und -theoretiker. Er zählte zu den Vertretern der Nouvelle Vague.
Frühes Leben und die Cahiers du cinéma
Nach der Schulzeit in seiner Geburtsstadt Tulle besuchte Rohmer 1937 die Classe préparatoire des Traditionsgymnasiums Lycée Henri IV in Paris, bestand jedoch die Zulassungsprüfungen zur École normale supérieure (ENS) nicht. Nach einem kurzen Militärdienst im Jahr 1940 studierte er klassische Literatur an der Universität von Clermont-Ferrand, wohin seine Eltern gezogen waren, und Lyon. Nach dem Studienabschluss arbeitete Rohmer von 1944 bis 1952 als Lehrer in Paris, anschließend bis 1955 in Vierzon. 1946 publizierte er unter dem Pseudonym Gilbert Cordier seinen einzigen Roman, Elisabeth, der 2003 auf Deutsch erschien. Im Juni 1948 erschien sein erster Artikel in der berühmten, aber kurzlebigen Revue du Cinéma.
Im Juni 1951 veröffentlichte er seinen ersten Artikel in der neu gegründeten Zeitschrift Cahiers du cinéma. 1955 publizierte er dort in fünf Folgen den filmtheoretischen Essay Le Celluloid et le Marbre („Zelluloid und Marmor“), erstmals unter dem Pseudonym Eric Rohmer. Er entfernte sich jedoch später von den damals geäußerten theoretischen Positionen und verweigerte einen Nachdruck des Essays.
Seit 1957 vertrat er kommissarisch den schwerkranken André Bazin als Chefredakteur der Cahiers, ab 1959 war er dies offiziell. 1955 publizierte er zusammen mit Claude Chabrol das erste Buch überhaupt über Alfred Hitchcock, das erst 2013 von Robert Fischer ins Deutsche übersetzt und herausgegeben wurde.
Die 1950er Jahre hindurch arbeitete Rohmer an mehreren Kurzfilmen zusammen mit seinen Kritikerkollegen. 1959 drehte Rohmer seinen ersten Spielfilm Im Zeichen des Löwen (Le Signe du Lion), der erst 1962 einen Verleih fand. Zu diesem Zeitpunkt war die Nouvelle Vague nicht mehr so en vogue wie noch einige Jahre zuvor, und der Film fiel in den Kinos durch. Rohmer ließ sich durch ein Erlebnis von Paul Gégauff, einem bedeutenden Drehbuchautor der Nouvelle Vague und häufigem Co-Autor von Claude Chabrol, zu diesem Film inspirieren. Die Persönlichkeit von Gégauff stand Pate für zahlreiche Figuren in den Filmen von Rohmer und anderen Nouvelle-Vague-Regisseuren.
1962 gründete Rohmer zusammen mit Barbet Schroeder die Produktionsfirma Les Films du Losange. „Losange“ heißt Raute, das Firmenzeichen der Gesellschaft.
1963 wurde Rohmer von Jacques Rivette aus der Chefredaktion der Cahiers verdrängt.
Damit konnte sich Rohmer ganz der Filmarbeit widmen. Bereits 1962 hatte er mit dem Kurzfilm Die Bäckerin von Monceau seinen ersten Filmzyklus Contes moraux (Moralische Erzählungen) eröffnet, innerhalb dessen er bis 1972 weitere fünf Filme realisierte: Die Karriere von Suzanne (La Carrière de Suzanne, Kurzfilm, 1963), Die Sammlerin (La Collectioneuse, 1967), Meine Nacht bei Maud (Ma nuit chez Maud, 1969), Claires Knie (Le Genou de Claire, 1970) und Die Liebe am Nachmittag (L’Amour l’après-midi, 1972). Meine Nacht bei Maud, der sich ohne die Unterstützung der französischen Filmförderung Avance sur recettes (= Vorschuss auf das Einspielergebnis) um drei Jahre verzögerte, wurde ein großer Publikumserfolg und Rohmers erfolgreichster Film. Wie in beinahe seinem gesamten Werk war auch in diesem Film das zentrale Thema die Liebe.
In dieser Zeit entstanden auch über zwanzig Filme für das französische Schulfernsehen vor allem zu literarischen und historischen Themen, außerdem ein langer Fernsehfilm, Le Celluloid et le Marbre (1966), eine Dokumentation über den dänischen Filmregisseur Carl Theodor Dreyer (1965) und der Kurzfilm Place de l’Étoile als Beitrag zu dem Episodenfilm Paris vu par …(1965), dessen andere Teile von Jean-Daniel Pollet, Jean Rouch, Jean Douchet, Jean-Luc Godard und Claude Chabrol stammen.
1972 legte Rohmer mit seiner Dissertation L’Organisation de l’espace dans le Faust de Murnau sein Doktorexamen an der Université Paris 1 Panthéon-Sorbonne ab (deutsch als Murnaus Faustfilm bei Hanser, München, 1980). Ab 1972 hatte Rohmer einen Lehrauftrag für Filmregie an der Universität Paris-Nanterre.
1976 entstand Die Marquise von O. (La Marquise d’O …) nach der gleichnamigen Novelle von Heinrich von Kleist. Der Film wurde mit deutschen Schauspielern in deutscher Sprache im Schloss Obernzenn in Mittelfranken gedreht.
1978 realisierte Rohmer Perceval le Gallois nach einem mittelalterlichen Stoff, dem Perceval-Roman des französischen Schriftstellers Chrétien de Troyes. Er verwendete ein extrem stilisiertes theatralisches Dekor und ließ die Schauspieler in mittelalterlicher Sprache sprechen. In diesem Film traten zum ersten Mal zahlreiche Schauspieler auf, die später noch häufig in Rohmers Filmen zu sehen waren, wie Arielle Dombasle, Anne-Laure Meury, André Dussollier und Marie Rivière.
1979 inszenierte Rohmer im Maison de la Culture in Nanterre Das Käthchen von Heilbronn von Heinrich von Kleist. Das Projekt fiel bei Publikum und Kritik durch. Besonders die von Rohmer angefertigte Versübersetzung und die Besetzung wurden kritisiert.
1981 begann Rohmer mit Die Frau des Fliegers (La Femme de l’aviateur) einen neuen sechsteiligen Filmzyklus unter der Überschrift Comédies et proverbes (Komödien und Sprichwörter). Der Film wurde mit einem sehr niedrigen Budget von 125.000 Euro realisiert. Jedem Film dieser Serie ist ein bekanntes, manchmal auch abgewandeltes Sprichwort als spielerisches Motto vorangestellt.
Weitere Filme dieses Zyklus sind: Die schöne Hochzeit (1982) mit Béatrice Romand, Pauline am Strand (Pauline à la plage, 1982), Vollmondnächte (Les Nuits de la pleine lune, 1984), der sehr stark improvisierte Das grüne Leuchten (Le Rayon vert, 1986), für den er auf dem Filmfestival von Venedig einen Goldenen Löwen erhielt, und Der Freund meiner Freundin (1987). Außerhalb des Zyklus entstand 1987 Vier Abenteuer von Reinette und Mirabelle (Quatre aventures de Reinette et Mirabelle), ein vierteiliger Episodenfilm. Für die Produktion dieses Films gründete Rohmer die Produktionsgesellschaft C.E.R. (Compagnie Eric Rohmer), um das finanzielle Risiko dieses kleinen und sehr billigen Films von Les Films du Losange fernzuhalten.
1984 erschien eine Sammlung von Rohmers Filmkritiken unter dem Titel Le Goût de la beauté in der Buchreihe der Cahiers du cinéma, eingeleitet von einem längeren Interview.
1987 schrieb Rohmer das Theaterstück Das Trio in Es-Dur (Le Trio en mi-bémol), eine Comédie en sept tableaux für zwei Personen. Im Dezember 1987 hatte das Stück, gespielt von Jessica Forde und Pascal Greggory, unter seiner Regie Premiere am Théatre Renaud-Barrault in Paris. Es entstand auch eine Fernsehfassung davon.