civilizacoes perdidas

Gustav Weißkopf

Deutsch-US-amerikanischer Flugpionier

6 min01/01/2024
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Die Geschichte der Luftfahrt ist reich an Pionieren, doch kaum ein Name ist so hartnäckig umstritten wie jener von Gustav Weißkopf. Der aus Bayern stammende Auswanderer, der in den Vereinigten Staaten unter dem Namen Gustave Whitehead bekannt wurde, beansprucht in der Diskussion über den ersten bemannten Motorflug der Geschichte einen Platz – und genau dieser Anspruch macht ihn bis heute zur Quelle leidenschaftlicher Debatten.

Gustav Albin Weißkopf wurde am 1. Januar 1874 in Leutershausen in Bayern geboren, als Sohn von Karl Ernst Weißkopf und Maria Sibilla, geborene Wittmann. Die Familie zog in den folgenden Jahren berufsbedingt durch verschiedene Städte – sein Vater arbeitete als Bauaufseher und Zimmermann bei der Eisenbahn. Gustav war das zweite von sechs Kindern, wobei eine ältere Schwester bereits vor der Ehe der Eltern geboren worden war.

Die Kindheit war von frühen Verlusten geprägt: Seine Mutter starb am 12. Oktober 1886 im Alter von nur 37 Jahren in Höchst am Main. Wenige Monate später, am 26. Februar 1887, starb auch sein Vater im Alter von 39 Jahren in Fürth. Die Geschwister wurden getrennt; Gustav kam zu seinen Großeltern nach Ansbach. Noch im selben Jahr begann er eine Buchbinderlehre, brach sie jedoch ab. Eine anschließende Schlosserlehre endete ebenfalls vorzeitig, als er sich 1889 unerlaubt aus Ansbach entfernte.

In den folgenden Jahren verliert sich seine Spur weitgehend. Er arbeitete zeitweise als Tagelöhner in Höchst am Main, und Hinweise deuten darauf hin, dass er nach Brasilien auswanderte. Eigenen Angaben zufolge versuchte er sich im Landesinnieren, reiste nach Rio de Janeiro und baute und flog dort Segelflugzeuge. Er berichtete, Kondore in Chile und Albatrosse am Kap Horn beobachtet zu haben, wobei er sogar einzelne Exemplare eingefangen habe, um ihre Flügelspannweite und das Verhältnis zum Körpergewicht zu untersuchen. Außerdem soll er nach Deutschland zurückgekehrt sein, um beim Flugpionier Otto Lilienthal zu arbeiten – ob dies der Wahrheit entspricht, ließ sich nie eindeutig belegen.

Erstmals wieder nachweisbar wird Gustav Weißkopf im Jahr 1897 in den Vereinigten Staaten. Die Boston Aeronautical Society, die nach dem Tod Otto Lilienthals im August 1896 einen Lilienthal-Gleiter nachbauen lassen wollte, stellte ihn aufgrund seiner angeblichen Erfahrungen im Gleiter- und Flugzeugbau ein. Weißkopf baute für die Gesellschaft zwei Fluggeräte, die sich jedoch beide als nicht flugtauglich erwiesen. Daraufhin wurde er entlassen.

Er zog nach New York und fand Arbeit in einer Fabrik für Sport- und Spielzeugwaren. Am 24. November 1897 heiratete er in Buffalo, New York, eine gleichaltrige Frau. In dieser Zeit war er auch unter dem anglisierten Namen Gustave Whitehead bekannt – ein Schritt, den viele europäische Einwanderer vollzogen, um sich in der neuen Heimat besser zu integrieren. Seine deutsche Staatsangehörigkeit legte er dabei nie formell ab, noch erwarb er eine amerikanische.

Der entscheidende Moment in Whiteheads Biografie – und der umstrittenste – soll sich am 14. August 1901 ereignet haben. Laut zeitgenössischen Berichten soll er mit seinem selbst gebauten Fluggerät, dem Modell Nr. 21, in Fairfield, Connecticut, einen gesteuerten Motorflug über eine Distanz von etwa 800 Metern absolviert haben. Wenn diese Berichte zutreffen, wäre dieser Flug den berühmten Flügen der Gebrüder Wright vom Dezember 1903 um mehr als zwei Jahre vorausgegangen.

Bis zu seinem Tod am 10. Oktober 1927 in Bridgeport, Connecticut, blieb Whitehead eine Randfigur der Luftfahrtgeschichte. Erst Jahrzehnte später entflammte die Diskussion um seine angeblichen Flüge erneut. Befürworter seiner Ansprüche verweisen auf Berichte in lokalen Zeitungen aus dem Jahr 1901 sowie auf spätere Zeugenaussagen. Skeptiker hingegen betonen, dass keine Fotografien des Fluges existieren und dass zeitgenössische Quellen widersprüchlich sind.

Der Kern der Kontroverse: Wäre Whitehead der Erste gewesen, so würde dies die Luftfahrtgeschichte, wie sie in Schulbüchern steht, grundlegend verändern. Der Ruhm der Gebrüder Wright – Orville und Wilbur Wright mit ihrem historischen Flug am 17. Dezember 1903 in Kitty Hawk – würde zumindest relativiert. Das Smithsonian Institution in Washington, D.C., das sich lange Zeit einer Neubewertung widersetzte, gab die Debatte in jüngerer Zeit unter gewissem Druck nach, ohne jedoch eindeutig Position zu beziehen.

Gustav Weißkopf starb mit 53 Jahren, weitgehend vergessen und in bescheidenen Verhältnissen. Sein Heimatort Leutershausen in Bayern erinnert heute mit einem Museum an ihn. Ob er tatsächlich der erste Mensch war, der mit einem motorgetriebenen Flugzeug abhob, bleibt eine der spannendsten offenen Fragen der Technikgeschichte – eine Frage, die nicht zuletzt deshalb so schwer zu beantworten ist, weil die Quellen aus jener Pionierzeit des Fliegens oft ebenso fragil waren wie die Flugzeuge selbst.

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