Edward Gibbon erblickte am 8. Mai 1737 in Putney, Surrey, das Licht der Welt und wurde zu einem der bedeutendsten Historiker der europäischen Aufklärung. Sein Name ist untrennbar mit einem der monumentalsten Geschichtswerke der englischen Sprache verbunden: The History of the Decline and Fall of the Roman Empire, einer sechsbändigen Chronik, die den Untergang Roms vom zweiten Jahrhundert nach Christus bis zur Einnahme Konstantinopels durch die Osmanen im Jahr 1453 verfolgte.
Gibbon wurde als ältestes Kind in eine begüterte Surrey-Familie hineingeboren. Seinen Wohlstand verdankte die Familie dem Großvater, einem erfolgreichen Kaufmann und Spekulanten, der den Grundstock des Vermögens gelegt hatte. Der Vater, obgleich selbst finanziell gut gestellt, geriet zeitweise in Bedrängnis. Die Familie gehörte dem niederen Adel an. Gibbon war ein kränkliches Kind, dem das Schicksal früh hart zusetzte: Mehrere seiner Geschwister starben früh, und seine Mutter verstarb bereits 1747, als Edward erst zehn Jahre alt war. Diese Verluste prägten den jungen Mann nachhaltig und machten aus ihm einen Einzelgänger, der sich in die Welt der Bücher flüchtete.
Er besuchte die Westminster School und wurde im Alter von nur vierzehn Jahren, im Jahr 1752, an das Magdalen College der Universität Oxford geschickt. Seine Erinnerungen an diese Zeit fielen düster aus. In seiner später verfassten Autobiografie schilderte er die Oxforder Jahre in geradezu grotesk überzeichneten Tönen – möglicherweise auch eine Reaktion auf die harschen, hasserfüllten Kritiken, die später aus seiner ehemaligen Schule über ihn hereinbrachen. Den konventionellen Unterricht empfand er als geistig erstickend, da er sich auf die wörtliche Vermittlung anglikanischer Glaubenssätze beschränkte. Lehrreicher war für ihn die schier unerschöpfliche Bibliothek, die er wahllos und gierig durchforstete.
Einen folgenreichen Wendepunkt erlebte Gibbon, als er mit den Schriften von Jacques-Bénigne Bossuet in Berührung kam. Der französische Bischof und Kirchenredner beeindruckte den jungen Studenten so nachhaltig, dass dieser sich auch den Einflüssen von Jesuiten aus London öffnete. Das Ergebnis war aufsehenerregend: Am 8. Juni 1753 trat Edward Gibbon zum katholischen Glauben über. Der Skandal war unvermeidlich, denn als Katholik musste er Oxford verlassen. Sein Vater war entsetzt und sandte ihn zur Wiederherstellung des protestantischen Glaubens in die Schweiz, unter die Obhut des calvinistischen Pfarrers Daniel Pavilliard in Lausanne. Noch im Juni oder Juli desselben Jahres erreichte der junge Gibbon die Schweizer Stadt.
Die Jahre in Lausanne erwiesen sich als prägende Schaffenszeit. Unter Pavilliards nüchternem Einfluss kehrte Gibbon zum protestantischen Glauben zurück, aber wichtiger noch: Er vertiefte seine Bildung auf einem Niveau, das Oxford nie geboten hatte. Französisch wurde zu seiner zweiten Gelehrtensprache, und er begann ein systematisches Studium der klassischen Antike. Diese Grundlage sollte seiner späteren historischen Arbeit die außerordentliche Tiefe verleihen, für die er berühmt wurde.
Von 1776 bis 1789 veröffentlichte Gibbon die sechs Bände seiner History of the Decline and Fall of the Roman Empire. Das Werk umfasste in modernen Ausgaben rund 3200 Druckseiten und durchmaß mehr als ein Jahrtausend menschlicher Geschichte. Gibbon entwarf eine dreiteilige Deutung des Niedergangs: Das Christentum, das er als religiösen Verfall innerweltlicher Tugenden betrachtete, die Dekadenz der römischen Gesellschaft und schließlich der Einbruch der germanischen Völker hätten gemeinsam das einst mächtige Imperium zu Fall gebracht. Das Byzantinische Reich sah er als Fortsetzung und sogar Steigerung dieser Dekadenz – für ihn eine orientalische Despotie, die den ehrwürdigen Namen des Römischen Reiches nicht verdiene. Im Gegensatz dazu idealisierte er die naturhaft-gesunden jungen Reiche des mittelalterlichen Nord- und Westeuropa als vitale Gegenpole zur erstarrten Spätantike.
Das Werk entfachte sofort nach seinem Erscheinen heftige Debatten. Vor allem die kirchenkritischen Passagen, in denen Gibbon das frühe Christentum mit spürbarer Ironie sezierte, provozierten Theologen und Kleriker zu lautstarkemWiderspruch. Gleichwohl war der intellektuelle Erfolg des Werkes nicht aufzuhalten. Auch auf die deutsche Geschichtsschreibung übte Gibbon erheblichen Einfluss aus, wie etwa an der ebenfalls sechsbändigen Römischen Geschichte von Wilhelm Drumann, erschienen zwischen 1834 und 1844, abzulesen ist. Theodor Mommsen, der selbst eine dreibändige Römische Geschichte von 1854 bis 1856 verfasste, zitierte Gibbon in seinem Werk nur ein einziges Mal und mied die Jubiläumsfeiern – und doch hielt er Gibbons Werk für das bedeutendste, das je über die römische Geschichte geschrieben worden sei.
Heute sind Gibbons Grundthesen in der westlichen Öffentlichkeit weiterhin verbreitet, wenngleich die Fachwelt sie längst differenzierter betrachtet. Sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Faktoren der Spätantike, die Gibbon kaum berücksichtigte, spielen in modernen Erklärungsmodellen des Untergangs eine zentrale Rolle. Außerdem stand Gibbon fast ausschließlich schriftlichen Quellen gegenüber, da die wissenschaftliche Archäologie zu seiner Lebenszeit kaum entwickelt war. Dennoch: Die Kühnheit seiner Synthese, die Eleganz seiner Prosa und die Breite seines Blicks auf mehr als tausend Jahre Geschichte machen sein Werk zu einem unvergänglichen Monument der Aufklärungshistoriographie. Edward Gibbon starb am 16. Januar 1794 in London.

