**TITEL:** Die Scheibe von Phaistos
Im Juli 1908 machte der italienische Archäologe Luigi Pernier während Ausgrabungen im minoischen Palast von Phaistos an der Südküste Kretas eine Entdeckung, die mehr als ein Jahrhundert später eines der hartnäckigsten Rätsel der Weltarchäologie bleibt. Zwischen den Überresten dieser Zivilisation, die vor über dreitausend Jahren im Mittelmeerraum aufblühte, fand Pernier eine Tonscheibe, bedeckt mit spiralförmig eingeprägten Symbolen – ein Objekt, das sich von allem unterschied, was bis dahin entdeckt worden war. Die Scheibe von Phaistos, wie sie bekannt wurde, ist bis heute ein ungelöstes Mysterium.
Die Scheibe wird der minoischen Periode zugerechnet, wahrscheinlich der Mitte oder dem Ende der Bronzezeit, was sie irgendwann zwischen dem zweiten und ersten Jahrtausend vor Christus einordnet. Sie hat eine kreisförmige Gestalt, und ihre beiden Seiten sind mit spiralförmig angeordneten Symbolen bedeckt, die vom Rand zur Mitte verlaufen. Insgesamt sind es 241 eingeprägte Symbole, die aus 45 verschiedenen Zeichen bestehen. Die Seite, die die Forscher als A bezeichnen, enthält 31 Zeichengruppen, während Seite B 30 Gruppen aufweist. Das kürzeste Wort besteht aus zwei Symbolen, das längste aus sieben.
Was die Scheibe technisch bemerkenswert macht – abgesehen von ihrem rätselhaften Inhalt –, ist die Methode ihrer Herstellung. Die Symbole wurden nicht freihändig gezeichnet, sondern mit einzelnen Stempeln in den noch feuchten Ton gedrückt – eine Technik, die die Existenz eines im Voraus vorbereiteten Satzes von Siegeln voraussetzt. Dies bedeutet, dass die auf der Scheibe gefundene Schrift nicht improvisiert war, sondern Teil eines bereits etablierten Systems mit standardisierten und reproduzierbaren Zeichen. Es handelt sich um eine der frühesten bekannten Formen des Drucks in der Menschheitsgeschichte.
Die Zeichen stellen Figuren von Menschen, Tieren, Pflanzen und Alltagsgegenständen dar. Es gibt menschliche Köpfe, Profilfiguren mit Federbüschen, Schilde, Fische, Vögel und Werkzeuge. Ein Detail, das Linguisten aufhorchen ließ, ist, dass das Zeichen „Kopf mit Federn“ ausschließlich am Wortanfang erscheint und in 13 Fällen vom Schildzeichen gefolgt wird. Sechs Wörter wiederholen sich zweimal auf verschiedenen Seiten der Scheibe. Diese Regelmäßigkeiten deuten darauf hin, dass hinter der Inschrift eine grammatikalische oder poetische Struktur steckt, doch die Entschlüsselung ihrer Bedeutung ist eine Aufgabe, die Generationen von Forschern vor Rätsel stellt.
Die Leserichtung selbst ist ein umstrittenes Thema. Es herrscht kein Konsens unter den Experten darüber, ob der Text am äußeren Rand der Spirale beginnt und zur Mitte hin verläuft oder umgekehrt. Ebenso wenig ist klar, ob die Lesung auf Seite A oder Seite B beginnt. Beide Hypothesen haben Befürworter, doch keine hat allgemeine Anerkennung gefunden. Auch die Richtung des Textes – ob von links nach rechts oder von rechts nach links – bleibt offen. Einige Forscher schlagen vor, dass die Symbole in der Richtung gelesen werden sollten, in die die Tier- und Menschenfiguren blicken, ähnlich wie bei den Hieroglyphen Anatoliens – jedoch anders als bei den ägyptischen Hieroglyphen.
Im Laufe der Jahrzehnte wurden zahlreiche Entschlüsselungsversuche in verschiedenen Ländern und Sprachen veröffentlicht. Eine der kuriosesten Episoden in dieser Geschichte ereignete sich in Brasilien: Der Geschichtslehrer Alberto Mendes de Oliveira vom Colégio Dom Pedro II in Rio de Janeiro behauptete in den 1970er-Jahren, die Scheibe entschlüsselt zu haben. Seiner Aussage nach enthalte der Text eine göttliche Erklärung in der ersten Person, die die Allmacht eines höchsten Schöpfers verkünde. Seine Hypothese wurde jedoch von der internationalen Fachwelt nie anerkannt, und der Lehrer erhielt nicht die erhoffte Anerkennung.
Im Juli 2021 kündigte der Archäologe Gareth Owens an, nach drei Jahrzehnten intensiver Forschung 99 % des Textes entschlüsselt zu haben. Owens zufolge gehören die Symbole zu einer archaischen Form der griechischen Sprache, und der Text habe religiösen oder rituellen Charakter. Die Aussage fand in der Presse große Beachtung, doch die wissenschaftliche Diskussion über seine Schlussfolgerungen ist noch nicht abgeschlossen. Das zentrale Problem bleibt dasselbe wie seit der Entdeckung: Die Scheibe ist ein einzigartiges Exemplar. Es gibt keine anderen Texte in derselben Schrift, mit denen man sie vergleichen könnte, was eine definitive Entschlüsselung unmöglich macht.
Auch der genaue Herstellungsort der Scheibe ist umstritten. Obwohl sie auf Kreta gefunden wurde, argumentieren einige Forscher, dass das Objekt möglicherweise in einer anderen Region hergestellt und durch Handels- oder diplomatische Wege auf die Insel gelangt sein könnte. Der Palast von Phaistos, wo sie entdeckt wurde, war eines der wichtigsten Verwaltungs- und Religionszentren der minoischen Zivilisation, was darauf hindeutet, dass die Scheibe einen besonderen Wert besaß – doch dieser Wert könnte sowohl lokaler als auch fremder Herkunft sein.
Die Scheibe von Phaistos ist derzeit im Archäologischen Museum von Heraklion auf Kreta dauerhaft ausgestellt und zieht Besucher aus aller Welt an, die von ihrem Rätsel fasziniert sind. Kein Foto oder keine Reproduktion kann den Eindruck ersetzen, sie aus der Nähe zu betrachten: ein kleines Objekt mit weniger als 16 Zentimetern Durchmesser, das in seinen Vertiefungen eine Botschaft birgt, die die Menschheit noch immer nicht zu entschlüsseln vermag. Mehr als hundert Jahre nach ihrer Entdeckung stellt die Scheibe Linguisten, Archäologen und begeisterte Laien weiterhin vor dieselbe stumme Herausforderung: Was steht hier geschrieben?