Stéphane Charbonnier, geboren am 21. August 1967 in Conflans-Sainte-Honorine, war unter seinem Pseudonym Charb einer der bekanntesten Karikaturisten und Journalisten Frankreichs. Von 2009 bis zu seiner Ermordung beim Terroranschlag auf Charlie Hebdo am 7. Januar 2015 in Paris leitete er die Satirezeitschrift als Herausgeber und wurde damit zum Gesicht eines unnachgiebigen Kampfes für Meinungsfreiheit und Pressefreiheit.
Seine Herkunft war bürgerlich und unaufgeregt: Der Vater arbeitete als Techniker bei der PTT, die Mutter als Sekretärin, zunächst bei einem Gerichtsvollzieher, später bei einer nationalen Bildungseinrichtung. Charbonnier wuchs in einer Welt auf, die er selbst einmal lakonisch beschrieb: Er habe ein wenig gelacht, aber nicht viel, sei ein wenig ärgerlich gewesen, aber nicht viel, ihm habe es an nichts gefehlt und nichts habe ihn erfreut. Schon früh entwickelte er eine Abneigung gegen Konformität, was sich besonders in Konflikten mit seinem Großvater zeigte, einem Anhänger des rechtsradikalen Front National, der Familienmahlzeiten wegen der sozialistischen Überzeugungen des Vaters regelmäßig in Auseinandersetzungen verwandelte.
Am Collège des Louvrais in Pontoise zeichnete Charbonnier während des Unterrichts erste Karikaturen und Bilder von Lehrern, Mitschülern und sich selbst. Er veröffentlichte in der Schülerzeitung und schulte sich dabei durch die intensive Lektüre der Klassiker der bande dessinée. Nach der Schulzeit begann er eine Ausbildung, brach sie jedoch ab, um für Regionalzeitungen zu arbeiten und sich mit Illustrationen für Kinoprogramme durchzuschlagen.
Der entscheidende Wendepunkt in seiner Karriere kam 1991 während des Golfkriegs. Charbonnier wechselte zum Satiremagazin La Grosse Bertha, wo er Philippe Val kennenlernte, der sein Mentor werden sollte. In den folgenden Jahren arbeitete er für verschiedene Publikationen, darunter L'Écho des Savanes, Télérama, Fluide glacial und L'Humanité.
2006 war er für Charlie Hebdo tätig, als Val die Mohammed-Karikaturen nachdruck ließ, die zuvor in der dänischen Zeitung Jyllands-Posten erschienen waren und islamische Proteste ausgelöst hatten. Charlie Hebdo bestritt erfolgreich vor Gericht das Recht, religiöse Figuren satirisch darzustellen. Nach Vals Abgang im Mai 2009 übernahm Charbonnier die Leitung des Magazins mit dem erklärten Ziel, ihm den alten subversiven Geist zurückzugeben.
Seine eigenen Zeichnungen zeichneten sich durch beißenden Witz und bewusste Respektlosigkeit aus. Die Serie Maurice et Patapon, in der ein lüsterner, anarchistischer Hund und eine asexuell-sadistische, faschistische Katze aufeinandertrafen, war ein Beispiel seines antikapitalistischen Humors. Bekannt wurde er auch durch die Figur Marcel Keuf, einen Polizisten aus dem Comicmagazin Fluide glacial. Seine Figuren waren oft bewusst unästhetisch, gelb koloriert, von Grund auf fehlgeleitet. Seine Kolumne in Charlie Hebdo trug den provokativen Titel Charb n'aime pas les gens (Charb mag die Menschen nicht), monatlich ergänzt durch die satirische Rubrik La fatwa de l'Ayatollah Charb in der Zeitschrift Fluide Glacial.
Im November 2011 veröffentlichte die Redaktion eine Sonderausgabe unter dem Titel Charia Hebdo mit einem fiktiven Chefredakteur Mohammed, als Reaktion auf den Wahlsieg der Islamisten in Tunesien. Daraufhin wurde ein Brandanschlag auf die Redaktionsräume verübt. Charbonnier trat in einem Video vor den Trümmern auf und bat um finanzielle Unterstützung. Die Replik auf den Anschlag war eine Titelkarikatur des Zeichners Luz, die eine Umarmung zwischen einem Moslem und einem Karikaturisten zeigte, mit der Titelzeile L'amour plus fort que la haine, die Liebe ist stärker als der Hass. Die Erfahrungen dieser Zeit brachten Charbonnier Todesdrohungen ein, die er öffentlich kommentierte und unter denen er, wie bekannt wurde, in seinem Alltag leben musste.
Am 7. Januar 2015 wurden Charbonnier und elf weitere Menschen in der Redaktion von Charlie Hebdo erschossen. Sein Tod löste eine der größten Solidaritätskundgebungen in der Geschichte Frankreichs aus und setzte ein weltweites Zeichen für die Verteidigung der Pressefreiheit. Charb hinterließ ein Werk und eine Haltung, die bis heute als Referenzpunkt für den Kampf um das Recht auf freie Meinungsäußerung gilt.