Das Jahr 1944 markierte eine tiefe Wende im Zweiten Weltkrieg. Auf nahezu allen Kriegsschauplätzen gerieten die Achsenmächte in die Defensive, und die Konturen einer neuen Weltordnung begannen sich abzuzeichnen, noch bevor der letzte Schuss gefallen war. Politisch, militärisch und diplomatisch verdichteten sich 1944 Entwicklungen, die den Ausgang des Krieges und die Gestalt Europas für Jahrzehnte bestimmen sollten.
Der Luftkrieg über Europa erreichte 1944 eine neue Intensität. Alliierte Bomberverbände griffen im systematischen Wechsel zwischen britischen Nachtangriffen und amerikanischen Tagesangriffen die Infrastruktur, Industrie und Städte des Deutschen Reiches an. Bis zum Ende dieses Jahres hatten die Alliierten die Luftherrschaft endgültig errungen, ein strategischer Vorteil, der alle weiteren Operationen begünstigte und die Handlungsfähigkeit der Wehrmacht zunehmend einschränkte.
An der Ostfront häuften sich die schweren Niederlagen. Die Rote Armee führte gewaltige Offensivoperationen durch und drängte die deutschen Verbände aus Gebieten zurück, die seit Jahren besetzt waren. Generalfeldmarschall Erwin Rommel, der seit dem 1. Januar 1944 die Heeresgruppe B befehligte, sollte an der Westfront die erwartete alliierte Invasion abwehren. Sein Ansatz, den Feind am Strand zu vernichten, geriet in Widerstreit mit anderen strategischen Überlegungen innerhalb der deutschen Führung, was die Reaktionsfähigkeit der Wehrmacht auf das entscheidende Ereignis des Jahres schwächte.
Am 6. Juni 1944, dem Jahrestag, der als D-Day in die Geschichte einging, landeten alliierte Truppen in der Normandie und eröffneten damit die lang ersehnte Zweite Front in Westeuropa. Die Operationen an den normannischen Stränden leiteten einen Vormarsch ein, der Deutschland von Westen her einschnürte. Parallel dazu wurde im Osten die sowjetische Offensive Operation Bagration gestartet, die der Wehrmacht katastrophale Verluste zufügte und ganze Heeresgruppen zerriss. Die Wehrmacht stand an mehreren Fronten gleichzeitig unter erdrückendem Druck.
Das Jahr war jedoch nicht nur von militärischen Ereignissen geprägt. Hinter den Kulissen vollzogen sich bedeutende politische Verschiebungen. Am 19. März 1944 besetzte Deutschland das Königreich Ungarn im Unternehmen Margarethe, um sicherzustellen, dass der bisherige Verbündete nicht vorzeitig die Seiten wechselte. Reichsverweser Miklós Horthy musste unter diesem Druck am 22. März eine deutschfreundliche Regierung unter Döme Sztójay einsetzen. Doch Horthy entzog sich dieser Bevormundung, so gut er konnte: Am 29. August entließ er Sztójay und ernannte General Géza Lakatos zum Ministerpräsidenten. Es war ein verzweifelter, letztlich erfolgloser Versuch, Ungarn aus dem sinkenden deutschen Boot zu holen.
Rumänien vollzog einen spektakuläreren Bruch. Am 23. August 1944 führte König Michael I. einen Staatsstreich durch, der die Militärdiktatur von Marschall Ion Antonescu beendete. Rumänien schloss einen Waffenstillstand mit den Alliierten und erklärte Deutschland den Krieg. Bulgariens Ministerpräsident Iwan Bagrjanow erklärte am 26. August die Neutralität seines Landes und lehnte eine weitere Zusammenarbeit mit den Deutschen ab. Finnland seinerseits hatte am 4. August Carl Gustaf Emil Mannerheim zum Präsidenten gewählt, und bereits am 24. August schloss das Land einen Waffenstillstand mit der Sowjetunion.
Im Osten entstand am 22. Juli das von der Sowjetunion gestützte Komitee der Nationalen Befreiung Polens, das der polnischen Exilregierung in London die Legitimität absprach und damit den Grundstein für den späteren Konflikt um Polens Nachkriegsgestalt legte. Am 29. August begann in der Slowakei der Nationalaufstand gegen die deutsche Besatzung und das Kollaborationsregime von Jozef Tiso, getragen von Teilen der slowakischen Armee. Das Zentrum des Aufstands lag in der Mittelslowakei mit der Stadt Banská Bystrica als Mittelpunkt, doch die Deutschen schlugen ihn schließlich nieder.
Im Pazifik drängte 1944 die alliierte Gegenoffensive unaufhaltsam voran. Die Marianen wurden erobert, was den USA eine strategische Ausgangsposition für Bomberangriffe auf die japanischen Hauptinseln verschaffte. Die Alliierten bereiteten die Rückeroberung der Philippinen vor, die im Herbst mit Genereal Douglas MacArthurs Landung auf Leyte eingeleitet wurde. Die Battle of Leyte Gulf im Oktober 1944 gehört zu den größten Seeschlachten der Geschichte und endete mit einer schweren japanischen Niederlage.
Während die Waffen noch donnerten, trafen die Siegermächte in Alltagskonferenzen bereits Entscheidungen über die Nachkriegsordnung. In Bretton Woods wurde das internationale Währungssystem neu geordnet, in Dumbarton Oaks wurden die Grundzüge der späteren Vereinten Nationen ausgehandelt, und in Moskau verhandelten Churchill und Stalin über Einflusssphären in Osteuropa. Das Jahr 1944 war damit nicht nur das Jahr der militärischen Wende, sondern auch das Jahr, in dem die Weichen für die politische Ordnung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gestellt wurden.

